Georgien

Georgien – Zwischen Kaukasus, Gegenwind und schönen Zufällen

Nach fast zwei Monaten in der Türkei rollten wir über die Grenze nach Georgien und mit einem Schlag fühlte sich alles wieder ganz neu an. Die Schrift war plötzlich komplett unlesbar, Bargeld hatten wir keines mehr und an der Passkontrolle standen wir mit unseren voll bepackten Fahrrädern zwischen Menschen, die ihren kompletten Hausstand in riesigen Plastiktüten hinter sich herzogen. Anfangs haben sich alle an uns vorbei gedrängelt, bis wir unsere Räder fast quer in die Schlange stellten, um irgendwann auch an die Reihe zu kommen. Willkommen in Georgien.

Nach der Grenze ging uns für uns erst einmal noch ein paar Kilometer weiter am Schwarzen Meer entlang. Wir ließen die Räder stehen, sprangen ins Wasser und genossen die ersten Sonnenstrahlen im neuen Land. Am Abend kochten wir an der Promenade, tranken ein Glas Wein und beobachteten den Sonnenuntergang, während hinter uns Sportwagen und Motorräder mit Vollgas die Küstenstraße entlangrasten.

Schon nach den ersten Kilometern merkten wir allerdings, dass Georgien anders ist als die Türkei. Die Menschen wirkten zunächst deutlich zurückhaltender. Kaum jemand winkte oder lächelte. Beim täglichen Besuch in den Bäckereien mussten wir meistens einfach auf gut Glück bestellen, denn das georgische Alphabet machte es unmöglich, auch nur ein einziges Wort zu entziffern. Also landeten einfach sämtliche Spezialitäten in unserer Tasche: frisches Tonis Puri aus den traditionellen Lehmöfen, mit Käse oder Bohnen gefüllte Teigtaschen und allerlei süßes Gebäck.

Zufällige Begegnungen

Am Strand trafen wir Peter aus den Niederlanden, der ebenfalls mit dem Fahrrad Richtung China unterwegs war. Aus einer kurzen Unterhaltung wurden Eis, ein gemeinsamer Sprung ins Meer und schließlich ein gemeinsamer Schlafplatz direkt am Strand. Dort lernten wir auch Jakub aus Tschechien kennen, der zu Fuß und mit den georgischen Marschrutkas unterwegs war. Das sind die kleinen, weißen Busse, welche in Georgien eines der Hauptverkehrsmittel sind.

Immer wieder fällt uns auf, wie unterschiedlich Menschen solche Reisen erleben. Viele, die wir unterwegs treffen, wirken erschöpft oder zweifeln an ihrer Reise. Peter war zum Beispiel fast ausschließlich auf den großen Straßen unterwegs und hatte ganz andere Erfahrungen gemacht als wir. Kaum Einladungen, kaum Begegnungen mit Einheimischen.

Für uns bestätigt sich dagegen immer wieder das Gleiche, die schönsten Momente entstehen meist dort, wo man eben nicht den direkten Weg nimmt. Lieber fahren wir den Umweg über kleine Dörfer, Schotterstraßen und Berge, als möglichst schnell von A nach B zu kommen.

Luxus für acht Euro

Nach einigen Tagen an der Küste wurde der Verkehr immer dichter. Riesige LKWs rauschten teilweise nur Zentimeter an uns vorbei, während Kühe, Schweine und Hunde seelenruhig mitten auf der Straße standen. Komoot führte uns regelmäßig in Sackgassen oder über komplett überflutete Wege, sodass wir irgendwann einfach wieder der Hauptstraße folgten.

Am Abend gönnten wir uns schließlich ein kleines Guesthouse für gerade einmal acht Euro pro Person. Das fühlte sich nach mehreren Monaten Camping wie purer Luxus an. Eine heiße Dusche, ein richtiges Bett, normale Handtücher und eine Bettdecke. Dinge, die Zuhause selbstverständlich sind, fühlen sich mittlerweile sehr besonders an.

Unser zweiter Pausentag der gesamten Reise verging anschließend schneller als gedacht. Eigentlich wollten wir einfach entspannen, stattdessen verbrachten wir Stunden damit, Fotos auszusortieren, Videos hochzuladen und endlich unseren Blog zu aktualisieren. Erst als alles erledigt war, konnten wir den Abend mit Snacks, einem Film und etwas Ruhe genießen.

Endlich Richtung Berge

Je weiter wir ins Landesinnere fuhren, desto spektakulärer wurde die Landschaft. Hohe Felswände, grüne Schluchten und schneebedeckte Gipfel tauchten langsam am Horizont auf. Gleichzeitig wurde es immer heißer und die langen Anstiege verlangten uns einiges ab.

An einer Tankstelle sorgten wir mal wieder für Verwirrung, als wir unsere kleine Flasche für den Benzinkocher auffüllen wollten. Erst glaubte uns niemand, dass wir tatsächlich Benzin kaufen wollten. Am Ende kostete die Füllung gerade einmal zwanzig Cent.

Abends wurden wir von vier Georgiern an ihren Tisch gewunken. Innerhalb weniger Minuten standen Brot, Käse, Salat und georgisches selbstgebrautes Bier vor uns. Es wurde gesungen, angestoßen und gelacht. Die vielen Trinksprüche wurden uns geduldig übersetzt und irgendwann schunkelten wir gemeinsam am Tisch, obwohl wir uns wenige Stunden zuvor noch völlig fremd gewesen waren.

Später wollten sie uns unbedingt in einer leerstehenden Arbeiterunterkunft unterbringen. Das Bettenlager wirkte allerdings nicht besonders einladend und wir entschieden uns lieber für unser Zelt. Anfangs war unser Gastgeber darüber etwas enttäuscht, am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns aber trotzdem herzlich.

Immer näher an den Kaukasus

Die Straße führte immer weiter bergauf entlang des Patara-Enguri-Flusses. Immer häufiger begegneten uns Reisebusse voller Wanderer. 

Unterwegs hielten wir an einem kleinen Campingplatz. Während wir in der Hängematte lagen und kalte Limonade tranken, blickten wir auf einen türkisfarbenen Stausee, dichte Wälder und schneebedeckte Gipfel. Spätestens dort wurde klar, dass uns die beeindruckendsten Landschaften Georgiens noch bevorstanden.

Kurz bevor ein Gewitter losbrach, fragten wir in einem kleinen Ort nach einem trockenen Platz. Zwei Minuten später standen unsere Fahrräder bereits in einem leerstehenden Haus. Draußen tobte das Gewitter, drinnen bauten wir unser Zelt zwischen alten Betten und verwahrloster Einrichtungsgegenständen auf. Manchmal braucht es eben gar nicht mehr als ein Dach über dem Kopf.

Swanetien – eine Landschaft wie aus einer anderen Welt

Mit jedem Höhenmeter wurde der Kaukasus eindrucksvoller. Rund um Mestia ragten schneebedeckte Viertausender in den Himmel und überall standen die berühmten swanetischen Wehrtürme, die seit Jahrhunderten das Landschaftsbild prägen.

Trotz des zunehmenden Tourismus blieb die Region beeindruckend. Von Mestia aus machten wir uns weiter auf den Weg nach Ushguli. Die Straße führte über zwei lange Anstiege, vorbei an wilden Flüssen, kleinen Furten und immer neuen Ausblicken auf Gletscher und weiße Gipfel.

Oben angekommen trafen wir Cecile und Tina aus der Schweiz. Gemeinsam verbrachten wir den Abend im Garten von Nini. Deren Onkel hatte auf dem Weg nach oben ein Pferd hinten ans Auto gebunden, bei uns gestoppt und uns Angeboten in Ushguli bei ihnen zu übernachten.

Am nächsten Morgen klingelte der Wecker bereits um sieben Uhr. Noch bevor der angekündigte Regen einsetzen sollte, wollten wir den über 2.600 Meter hohen Pass überqueren. Gletscher, schroffe Felsen und schneebedeckte Gipfel begleiteten uns bis ganz nach oben. Kein Verkehr, keine Busse, nur Berge.

Die anschließende Abfahrt gehörte zu den längsten unserer bisherigen Reise. Über 80 Kilometer rollten wir talwärts, immer begleitet von wilden Flüssen und grauen Wolken.

Menschen, die den Unterschied machen

Je länger wir in Georgien unterwegs waren, desto herzlicher wurden auch die Begegnungen.

Ein kleiner Junge entdeckte uns schon mehrere Kilometer bevor wir anhielten. Kurze Zeit später stand er mit seinem Freund Nikola neben uns. Die beiden wollten uns unbedingt den Weg zeigen und jagten mit ihren alten Mountainbikes über Schotterpisten und kleine Trails, als würden sie nichts anderes kennen. Stolz begleiteten sie uns bis zur nächsten Brücke, bevor sie wieder umdrehten.

Ein anderes Mal hielten wir an einer Bäckerei. Roman zog gerade frisches Brot aus dem traditionellen Tonofen und drückte uns sofort gefüllte Teigstangen in die Hand. Sein Nachbar kam ebenfalls dazu, wenig später erklärte uns der Sohn des Nachbars auf Englisch alles über das Leben in Georgien, das traditionelle Essen und die berühmte grüne Pflaumensauce, die wir kurz zuvor geschenkt bekommen hatten.

Überhaupt änderte sich unser Eindruck von Georgien mit jedem Tag. Anfangs wirkten viele Menschen eher verschlossen. Je weiter wir jedoch die touristischen Regionen hinter uns ließen, desto häufiger wurden wir herangewunken, bekamen Wasser, Essen oder einfach ein freundliches Lächeln.

Zufälle, die man nicht planen kann

Ein verrückter Zufall  ereignete sich an einer Bushaltestelle.

Dort trafen wir plötzlich Josh und Sarah aus England. Sie kamen uns bereits irgendwie bekannt vor und es stellte sich heraus, dass wir bereits einige ihrer YouTube-Videos über deren eigene Fahrradreise geschaut hatten. Auch sie waren auf dem Weg nach Indien und nebenbei produzieren sie echt schöne Bikepacking-Filme. Nach einer halben Stunde Gespräch luden sie uns spontan in ihre Wohnung nach Kutaisi ein.

Am Abend saßen wir gemeinsam bei Kerzenschein am Esstisch, tranken Bier und Raki, hörten Geschichten von ihren Reisen und genossen einfach das Gefühl, für einen Abend ein Zuhause zu haben.

Am nächsten Tag erkundeten wir Kutaisi, schlenderten über den Markt, probierten Tschurtschchela, das georgische „Snickers“ und natürlich auch Chinkali, die berühmten georgischen Teigtaschen mit Brühe im Inneren.

So schön diese Begegnungen auch waren, merkten wir gleichzeitig, wie wichtig uns auch die Zeit zu zweit geworden ist. Nach mehreren Tagen mit ständig neuen Menschen freuten wir uns fast genauso sehr auf einen ruhigen Nachmittag allein am Fluss.

Gegenwind, Schlamm und spontane Räusche

An einem windigen Tag trafen wir Benjamin aus Belgien, der seit über einem Jahr zu Fuß Richtung Vietnam unterwegs war. Aus einem gemeinsamen Bier vor einem Supermarkt wurde schnell ein kleiner georgischer Abend mit jungen Einheimischen. Plötzlich standen immer mehr Flaschen auf dem Boden. Bier, Wein und schließlich sogar selbstgemachter Chacha. Gemeinsam wurde gelacht, erzählt und bis in die Dunkelheit zusammengesessen.

Solche Abende entstehen unterwegs oft völlig ungeplant.

Tiflis und der Abschied von Georgien

Die letzten Tage verbrachten wir in Tiflis. Zunächst suchten wir einen Fahrradladen auf, in dem wir unsere Räder für den Flug vorbereiten wollten. Aus einem kurzen Werkstattbesuch wurde schnell eine herzliche Begegnung. Maria und ihr Team halfen uns bei allem, was wir brauchten, organisierten Kartons, reparierten unsere Räder und wollten uns am Ende sogar noch zum Baden an den nächsten See einladen.

Die letzten Tage vergingen mit letzten Einkäufen, Fahrradservice und der Organisation unseres Weiterflugs nach Kasachstan. Am Flughafen trafen wir schließlich mehrere andere Bikepacker. Darunter war ein Pärchen, die mit einem Tandem unterwegs waren. 

Als wir schließlich in den Flieger stiegen, blickten wir auf zweieinhalb intensive Wochen zurück. Georgien war ganz anders, als wir es erwartet hatten. Anfangs etwas verschlossen, später unglaublich herzlich. Ein Land voller gewaltiger Berge, alter Wehrtürme, kleiner Bäckereien, unerwarteter Begegnungen und unzähliger Zufälle.

Und genau diese Zufälle sind es, die unsere Reise so besonders machen.

No Comments

Sorry, the comment form is closed at this time.