08 Sep. Tajikistan
Willkommen in Tajikistan
Nach mehreren Nächten mit kaum Schlaf und Temperaturen, die selbst nachts kaum Erholung zuließen, starteten wir Richtung Grenze. Natürlich fiel uns kurz vorher noch auf, dass wir keine Kopien unserer Permit für den Pamir Highway sowie unserer Reisepässe hatten. Kaum hatten wir darüber gesprochen, kam schon jemand aus einem Kiosk und organisierte uns in fünf Minuten einen Handyshop mit Drucker. Die Kopien bekamen wir sogar geschenkt und anschließend wollte er uns auch noch zum Essen einladen. Er selbst lebte eigentlich in Philadelphia und war gerade auf Heimatbesuch.
Die letzten Kilometer vor der Grenze waren allerdings wenig romantisch. Gravel, schlechte Straßen und immer mehr Verkehr schüttelten uns ordentlich durch. Nach einer kurzen Pause direkt am Straßenrand und einem Nickerchen ging es schließlich über die Grenze.
Und dann war da plötzlich Tajikistan.
Die Sonne ging gerade unter und zum ersten Mal seit langer Zeit sahen wir wieder Berge. Auf den Feldern arbeiteten Menschen, überall kamen uns Leute auf alten Motorrädern entgegen und wirklich jeder winkte und rief „Hello“. Besonders die Kinder waren völlig aus dem Häuschen. Eine Horde von bestimmt 15 Kindern begleitete uns irgendwann auf Fahrrädern, Rollern oder einfach im Sprint. Wir waren kaum ein paar Kilometer im Land und fühlten uns schon unglaublich willkommen. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet, da eigentlich extrem viele Touristen über diese Grenze das Land betreten müssten.
Ein Land voller Einladungen
Am nächsten Tag tauchten wir direkt in das wilde Treiben der Städte ein. Straßenstände, Bazaare, Menschenmassen und überall Essen, Kleidung und Dinge, von denen wir nicht einmal wussten, dass man sie auf der Straße verkaufen kann. In einem Lehmofen sahen wir einen Mann bis zur Hüfte im Ofen stecken, während er Somsa an die heiße Wand klebte.
Außerhalb der Städte wurde es wieder ruhiger. Dafür kamen die Menschen auf uns zu. Wir bekamen Wassermelonen, Brot, Ayran, Obst, Tee und Somsa geschenkt. Mehrmals wurden wir direkt zum Duschen, Essen oder Übernachten eingeladen. Kinder rannten kilometerweit neben uns her und schoben ihre klapprigen Fahrräder die steilen Anstiege hoch, nur um noch ein paar Meter mit uns fahren zu können.
Abends fuhren wir durch Schluchten entlang eines Sees. Das Licht wurde golden und die Berge spiegelten sich im Wasser. Ein Mann auf dem Fahrrad zeigte uns schließlich einen Platz auf einem Hügel, auf dem wir unser Zelt aufstellen durften. Nach all dem Chaos des Tages war es einfach perfekt.
Auch am nächsten Morgen ging es so weiter. Zwei ältere Frauen luden uns unter einem Baum zum Tee ein und stellten eine unglaubliche Menge an Snacks auf den Teppich auf dem wir zusammen saßen. Wir verstanden kein einziges Wort voneinander und mussten irgendwann einfach gemeinsam darüber lachen. Dazu kamen Rückenwind, 1.400 Höhenmeter und eine Landschaft, die mit jedem Kilometer spektakulärer wurde. Die Flüsse waren braun und reißend, die Berge unglaublich steil und dazwischen tauchten immer wieder kleine Dörfer auf.
Auf dem Weg nach Dushanbe
Je näher wir Dushanbe kamen, desto mehr Probleme machten allerdings unsere Fahrräder. Simons Schaltzug gab langsam den Geist auf, Noras Kassette machte Geräusche und einer ihrer Mäntel war wohl nicht mehr im Top Zustand. Dazu kam die Hitze.
Am vierten Tag wartete dann ein berüchtigter Tunnel auf uns. Wir waren schon seit Stunden einen Pass hochgeklettert und haben uns gefragt, wann dieser ominöse Tunnel endlich kommen würde. Nach über drei Stunden und 1.200 Höhenmetern tauchte er schließlich auf. Ein kleiner Truck nahm uns mit und wir warfen die Fahrräder einfach auf die Kohlesäcke auf der Ladefläche. Der Tunnel war komplett dunkel, nass und voller Tropfwasser. Nicht umsonst nennt man ihn „Tunnel of Death“. Fahrrad fahren ist hier nicht ohne Grund verboten.
Auf der anderen Seite wurden wir direkt wieder von unserem Helfer zum Essen eingeladen. Unser Fahrer wartete später sogar immer wieder auf uns, weil er sich Sorgen um Noras mittlerweile leicht aufgerissenen Mantel machte. Schließlich trafen wir am Fluss auf einen älteren Mann mit vielen Schafen, der uns zu einem Grundstück schickt, auf dem wir schlafen durften. Die Familie nahm uns total liebevoll auf, wir durften in den Pool, mit den Kindern herumalbern, bekamen Obst und das restliche Grundstück gezeigt. Die Frauen kochten gerade Sauerkirschen und Aprikosen über dem Feuer zu Kompott für den Winter ein.
Dann platzte Noras Reifen tatsächlich, etwa 15 Kilometer vor Dushanbe. Ein Minivan sammelte uns ein und brachte uns durch die Stadt. Der Fahrer fuhr wie ein Wahnsinniger, überholte alles, was sich bewegte, und gab zwischendurch Polizisten Geld. „No problem, we are all brothers“, meinte er nur. Er fuhr uns zum Bazar, um dort einen neuen Mantel besorgen zu können.
Der Bazar von Dushanbe war riesig und komplett chaotisch. Zwischen unzähligen kleinen Läden fanden wir schließlich einen 29-Zoll-MTB-Reifen für 7 Euro mit neuem Schlauch und Montage inklusive. Dieser schliff zwar am Schutzblech und eierte komplett wild, aber brachte uns immerhin weiter in die Innenstadt. Nora ging es zu diesem Zeitpunkt allerdings schon ziemlich schlecht. Ihr war übel und sie hatte Kreislaufprobleme.
Fahrräder reparieren, Körper regenerieren
Wir verbrachten deshalb zwei Tage in Dushanbe. Während Nora fast den ganzen Tag schlief, schraubte Simon an unseren Rädern. Zum Glück fanden wir schließlich einen unglaublich hilfsbereiten Mechaniker namens Asama. In einem völlig chaotischen Innenhof voller Ersatzteile reparierte er Noras Hinterrad, tauschte Freilauf und Nabe, speichte das Rad neu ein, wechselte Simons Tretlager und besorgte uns noch einen Reifen, Schläuche und Ersatzteile.
Mittags gingen wir gemeinsam essen und bekamen Qurutob, unser bisher bestes Essen in Tajikistan. Natürlich bestand Asama darauf, die Rechnung zu übernehmen.
Dushanbe war gleichzeitig der Ort, an dem wir uns auf den Pamir vorbereiteten. Wir besorgten Bargeld, Lebensmittel und Ersatzteile und druckten noch einmal zahlreiche Kopien unserer Permits. Ein billiges Hostel brachte uns schließlich unsere erste Erfahrung mit einem richtigen Backpacker-Dorm auf der Reise. Stromausfälle, schlechtes WLAN und jede Menge Männer, die uns etwas zu lange anstarrten.
Dann ging es endlich los.
Raus aus Dushanbe
Die Vororte von Dushanbe waren mindestens so chaotisch wie die Stadt selbst. Autos, Bazaare und Menschen überall. Gleichzeitig rannten wieder unzählige Kinder neben uns her. An einem Obststand schenkte uns ein Junge Trauben, wir gaben ihm später Schokokekse zurück. Ein anderes Mal half Simon einigen Männern, ein liegengebliebenes Auto einen Berg hinunterzuschieben. Als es endlich wieder lief, bekamen wir dafür eine Handvoll Äpfel.
Tajikistan fühlte sich schon jetzt wie ein Land an, in dem man kaum etwas kaufen musste. Wasser wurde uns angeboten, Brot und Obst wurden verschenkt und selbst beim einfachen Vorbeifahren winkten uns die Menschen zu.
Der Pamir Highway beginnt
Dann kamen die ersten richtigen Anstiege. Eine Komoot-Route führte uns auf eine gesperrte Straße, die wegen Hochwasser nicht passierbar war. Wir hatten natürlich trotzdem versucht, weiterzufahren. Irgendwann mussten wir einsehen, dass die Einheimischen recht hatten.
Zum Glück tauchten kurz darauf Alex und Linda aus Norwegen auf. Sie waren Teil einer Rallye von Norwegen bis nach Kasachstan und zogen uns mit Spanngurten den Berg wieder hoch. Beim ersten Versuch verhakte sich der Gurt an Simons Lenker und ich flog direkt in Nora. Unser erster Sturz nach Monaten.
Mit 1.200 Höhenmetern und extremer Hitze ging es anschließend weiter. Die Landschaft wurde immer wilder und die Berge immer höher. Abends schlugen wir unser Zelt neben einem kleinen Obststand auf und blickten auf eine endlose Berglandschaft.
Am nächsten Tag ging es fünf Stunden fast nur bergauf. 35 bis 40 Grad, teilweise zehn Prozent Steigung und kaum Schatten. Wir fuhren durch Schluchten, vorbei an wilden Flüssen und immer wieder kleinen Dörfern. Der Fluss war oft mehr Schlamm als Wasser. Trotzdem war die Landschaft unglaublich.
Irgendwann erreichten wir eine neu gebaute Stadt mitten in den Bergen. Nach 1.300 Höhenmetern fanden wir ganz oben ein paar kleine Shops und waren völlig fertig. Unser Schlafplatz lag schließlich auf einem alten Militärgelände, umgeben von Ruinen und hohen Bergen. Es gab nichts außer Sternenhimmel.
Der Weg ins Wakhan Valley
Am elften Tag wurde aus dem Pamir Highway endgültig ein Abenteuer. Wir bogen auf groben Gravel ab und fuhren kilometerlang an einem wilden, braunen Fluss entlang. Kleine Dörfer, Esel, Ziegenherden und alte Trucks tauchten immer wieder auf. Die Häuser waren einfach, oft mit Strohdächern, und die Menschen lebten eng mit ihren Tieren.
Wir kamen kaum mit zehn Kilometern pro Stunde voran. Trotzdem war jeder Kilometer besonders. Ein Auto hielt an und schenkte uns Brot und Kekse. In einem Dorf kochten wir Rührei zwischen Ziegen und Eseln. Abends wuschen wir uns im Bach und schlugen unser Zelt direkt am Fluss auf.
Nur unser Kocher wollte plötzlich nicht mehr. Wir zerlegten ihn mehrfach, wechselten die Düse und putzten alles. Am Ende gab es trotzdem geschenktes Brot mit roher Zwiebel, Ketchup und Senf.
Am nächsten Tag wurde es noch härter. Die Straße bestand teilweise nur aus losem Schotter und riesigen Steinen. Unsere Körper wurden regelrecht durchgeschüttelt. Wir bogen natürlich auch noch falsch ab und landeten auf einer extrem steilen Gravelroute, obwohl die normale Straße deutlich einfacher gewesen wäre.Am Abend hatten wir kaum noch Wasser. Zwei Männer auf völlig überladenen Heutrucks füllten unsere Flaschen auf und retteten uns damit den Abend.
4.300 Meter und kein Ende
Wir kämpften uns weiter auf über 3.300 Meter. Die Route wurde immer einsamer, die Dörfer verschwanden fast vollständig. Dafür tauchten immer wieder kleine Bergbäche auf, an denen wir Wasser filterten. Familien luden uns zum Tee ein, doch irgendwann wurden wir skeptisch, weil wir von anderen Radreisenden gehört hatten, dass manche Einladungen später plötzlich teuer werden konnten. Das war ein komisches Gefühl. Zum ersten Mal fragten wir uns, ob manche der freundlichen Gesten vielleicht doch nicht ganz uneigennützig waren.
Oben auf 3.300 Metern wartete dafür eine unglaubliche Abfahrt. Fast 2.000 Höhenmeter ging es durch enge Schluchten hinunter. Bienenstöcke standen am Weg, überall hielten wir an, weil die Landschaft so beeindruckend war. Dann wurde es plötzlich ernst.
Wir fuhren direkt an der afghanischen Grenze entlang. Zwischen uns und Afghanistan lagen teilweise nur ein Fluss und ein Stacheldrahtzaun. Auf der anderen Seite sahen wir Menschen mit Ziegen und immer wieder bewaffnete Taliban auf Pickups. Gleichzeitig hörten wir Gewehrschüsse.
Unser geplanter Campingplatz war geschlossen, weil dort wegen der Schüsse niemand bleiben durfte. Es wurde dunkel und wir suchten schließlich eine kleine Steinhütte, die andere Radfahrer als Schlafplatz kannten. Wir versteckten uns dort, weil das Militär uns sonst vermutlich weitergeschickt hätte. Die Nacht war heiß, stickig und ziemlich beängstigend.
Entlang der afghanischen Grenze
Am nächsten Morgen schafften wir es mit etwas Glück sogar durch zwei Tunnel, die uns eigentlich einen großen Umweg ersparten. Auf der Strecke trafen wir wieder Jakub, den wir bereits aus Dushanbe und sogar aus dem Zug nach Usbekistan kannten.
Wir fuhren stundenlang direkt am Fluss entlang. Auf der anderen Seite tauchten immer wieder Taliban auf. Dann blockierte ein riesiger Steinschlag die Straße. Zwei Stunden standen wir mit unzähligen Autos und Trucks herum. Niemand schimpfte, alle warteten einfach gemeinsam, rauchten und unterhielten sich. Irgendwann wurde uns klar, dass die größte Gefahr hier vielleicht gar nicht die Taliban waren, sondern die riesigen Felswände über uns, von denen jederzeit ein Steinschlag kommen konnte.
Die folgenden Tage wurden körperlich immer härter. Die Straßen waren katastrophal, die Hitze lag weiterhin bei über 35 Grad und Nora bekam immer größere Magenprobleme. Schließlich erwischte es auch Simon. Wir fuhren trotzdem weiter, meistens nur noch mit Cola, Snickers und dem, was wir irgendwie herunterbekamen.
Ein deutscher Radfahrer erzählte uns, dass er für 40 Kilometer bergab sechs Stunden gebraucht hatte. Das gab uns einen kleinen Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte.
Eine Pause, die wir lernen mussten
Nach Tagen mit Magenproblemen machten wir tatsächlich freiwillig einen Pausetag. Niemand zwang uns dazu und niemand war akut krank genug, um uns dazu zu bringen. Wir blieben einfach im Schatten unseres perfekten Zeltplatzes. Für uns beide war das schwieriger als gedacht. Wir sind es gewohnt, weiterzufahren, Kilometer zu machen und irgendein Ziel zu erreichen. Einfach einen Tag nichts zu tun, fühlte sich fast falsch an.
Wir badeten im eiskalten Bach, wuschen unsere Sachen und lasen. Dabei kamen wir ins Nachdenken. Wir beschwerten uns über fehlendes Essen, schlechte Shops, kaputte Straßen und darüber, dass wir nicht einfach irgendwo eine Pizza essen konnten. Gleichzeitig liefen direkt an unserem Zelt Menschen vorbei, die hier unter völlig anderen Bedingungen leben. Die Auswahl im einzigen kleinen Shop des Dorfes war für sie keine lästige Einschränkung, sondern Realität. Viele arbeiten auf den Feldern oder beim Militär und haben kaum Möglichkeiten, sich ihr Leben so zu gestalten, wie wir es gewohnt sind. Wir haben dagegen einen deutschen Pass, genug Geld zum Reisen und könnten jederzeit wieder nach Hause.Dieser Gedanke blieb hängen.
Am Abend kochten wir Reis mit Linsen und Knoblauch. Eigentlich nichts Besonderes. Aber wir waren satt und glücklich und merkten, wie wenig es manchmal braucht.
Das Wakhan Valley
Nach der Pause wurde es wieder ernst. Wir fuhren immer tiefer ins Wakhan Valley und die Straße wurde wieder zu einer Mischung aus Sand, Washboard und Geröll. Teilweise schafften wir weniger als acht Kilometer pro Stunde.
Dafür war die Landschaft surreal. Auf fast 4.000 Metern lag eine trockene, menschenleere Wüste zwischen riesigen Bergen. Murmeltiere pfiffen wie kleine Fußballschiedsrichter und verschwanden wieder in ihren Höhlen. Der Fluss war mittlerweile schmal und auf der afghanischen Seite sah man kaum noch Menschen.
Wir trafen einen alten Mann, der uns in einem kleinen Museum die Geschichte des Wakhan Valley erklärte. Das Museum war ein traditionelles Lehmhaus mit alten Büchern, Werkzeugen, Kleidung und Musikinstrumenten. Für seine Führung wollte er umgerechnet gerade einmal einen Euro.
Später trafen wir Thomas aus Düsseldorf, der mit seinem Range Rover unterwegs war. Wir kochten zusammen und stellten unsere Zelte auf. Thomas entpuppte sich als unglaublich interessanter Typ, der schon fast überall auf der Welt gewesen war und davon erzählte, wie er in der Mongolei Reifen wechselte oder mit Anakondas badete. Am nächsten Morgen gab es sogar frischen Kaffee und eine Dusche unter einem Wasserfall.
Auf 4.655 Meter
Die letzten Tage im Wakhan Valley waren eine Mischung aus Faszination und Qual. Wir fuhren fünf Stunden und schafften manchmal gerade einmal 40 Kilometer. Hände und Rücken schmerzten, der Hintern war taub und der Gegenwind machte alles noch schlimmer.
Trotzdem war die Landschaft unglaublich. Auf knapp 4.000 Metern sah die trockene Ebene mit den weißen Gipfeln aus wie ein anderer Planet. Schließlich ging es auf über 4.300 Meter. Washboard, tiefer Sand und steile Anstiege wechselten sich ab. Wir waren nur noch wenige Kilometer von der M41 entfernt und ehrlich gesagt ziemlich stolz, dass wir das Wakhan Valley überhaupt durchgezogen hatten. Ob wir es empfehlen würden, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Endlich wieder Asphalt
Der letzte Tag im Wakhan Valley begann natürlich mit Washboard. Nora war kurz davor durchzudrehen und fluchte sich die letzten Kilometer zur M41 hinauf. Dann sahen wir endlich Asphalt. Wir schrien vor Freude.
Nach Tagen auf der schlechtesten Straße, die wir je gefahren waren, fühlte sich plötzlich jeder Kilometer unglaublich leicht an. Die Landschaft änderte sich ebenfalls. Grüne und gelbe Wiesen, weiße Berggipfel, Jurten, Yaks, Pferde und Kühe, genau so hatten wir uns Kirgistan vorgestellt.
Wir trafen immer mehr andere Radreisende und schließlich auch Kerstin und Rupert aus Salzburg. Nach der Einsamkeit des Wakhan Valley war eine Gruppe von sieben Radfahrern allerdings fast schon wieder ungewohnt. Wir gingen gemeinsam essen und radelten danach erstmal alleine weiter.
Murghab und die hohen Pässe
Richtung Murghab wurde die Landschaft immer unwirklicher. Die Stadt selbst wirkte wie eine Ansammlung einfacher Hütten mitten im Nirgendwo. Offene Feuer, Ziegen und Menschen zwischen den Häusern. Alles sah aus, als wäre man auf einem anderen Planeten gelandet.
Wir trafen immer wieder andere Radreisende und wurden Teil kleiner Reisegruppen, die sich für ein paar Kilometer überschnitten. Abends landeten wir schließlich mit Kerstin, Rupert und Manu in einer kleinen Hütte auf über 4.000 Metern. Wir kochten zusammen, tranken Whiskey und schliefen in unseren Zelten innerhalb der Hütte.
Am nächsten Morgen ging es auf den letzten großen Pass. 4.655 Meter. Die Luft wurde spürbar dünner und beim Anhalten musste man manchmal erst einmal tief nach Luft schnappen. Der Anstieg war steil, aber irgendwann standen wir oben. Vor uns lagen verschneite Gipfel und eine endlose Schotterstraße.
Die Abfahrt war genauso brutal wie die Auffahrt. Starker Wind, Washboard und schlechte Straßen verlangten unseren Körpern alles ab. In Karakul angekommen, suchten wir uns wieder einen Platz zum Zelten und fanden schließlich eine Kiesgrube voller alter Tierkadaver. Nicht gerade der schönste Schlafplatz, aber windgeschützt. Manchmal ist Bikepacking eben auch einfach unangenehm.
Der letzte Pass
Am nächsten Tag passierte dann etwas, womit wir gerade jetzt nach Monaten auf der Straße nicht gerechnet hatten. Nora wurde von einem Land Cruiser von hinten angefahren. Sie stürzte auf die Straße, der Fahrer fuhr zunächst einfach weiter und blieb erst nach einigen Metern stehen. Wir waren bis oben eingepackt und haben mit dem brutalen Wind kein Auto kommen hören. Die Straße war kaum befahren. Wir haben vielleicht alle 45 Minuten ein Auto fahren gesehen. Außerdem sind die Straßen hier für mehrere Kilometer geradeaus, weshalb uns der Autofahrer schon längst hätte sehen müssen. Aber Anstatt zu Bremsen wollte er mit Schwung zwischen uns hindurchfahren und hat dabei Noras Rad von hinten an den Taschen zur Seite geschoben. Zum Glück hatte Nora nur ein aufgeschürftes Schienbein. Trotzdem waren wir beide ziemlich geschockt.
Kurz darauf ging es wieder auf über 4.300 Meter. Schwarze Wolken zogen auf und der Wind wurde brutal. Ein Soldat erlaubte uns, unser Zelt hinter einer Militärbasis aufzubauen. Wir zogen alles an, was wir besaßen. Drei Jacken, Weste, zwei Paar Socken, Beinlinge, Handschuhe, Mütze und Buff.
Am nächsten Morgen fuhren wir mit leerem Magen zum letzten Pass. Der Wind war immer noch stark und der Anstieg brutal steil. Vor dem Grenzposten bekamen wir völlig unerwartet ein komplettes Frühstück von einem Grenzbeamten geschenkt. Kekse und alles, was er hatte. Wir konnten es kaum glauben und schaufelten das Essen in uns hinein.
Dann kam der Grenzstempel. Wir rollten ins Niemandsland Richtung Kirgisistan. Yaks, riesige Adler und Murmeltiere begleiteten uns, während die verschneiten Gipfel um uns herum aufragten. Tajikistan lag hinter uns.
Nach all den Höhenmetern, der Hitze, dem Gegenwind, den schlechten Straßen, den Magenproblemen, den Schüssen an der afghanischen Grenze und unzähligen Begegnungen mit unglaublich herzlichen Menschen fühlte sich die Ausfahrt aus dem Land nach einem großen Meilenstein an.
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