Usbekistan

Usbekistan – Zwischen Wüste, Gastfreundschaft und 40 Grad 🇺🇿

Nach der unumgänglichen Zugfahrt von Kasachstan nach Usbekistan starteten wir mitten in der Nacht gegen vier Uhr morgens Richtung Khiva. Wir hatten uns bewusst gegen die direkte Route entschieden und wollten stattdessen durch kleine Dörfer und möglichst abseits der großen Straßen fahren. Schon bei Sonnenaufgang fühlte sich Usbekistan komplett anders an. Zwischen einfachen Lehmhäusern standen überall Betten vor den Häusern, meist unter Moskitonetzen, auf denen die Menschen noch schliefen.

Je näher wir dem Fluss kamen, desto grüner wurde die Landschaft. Aus der trockenen Steppe wurde plötzlich dichter Wald und wir fuhren teilweise auf winzigen Wegen durch das Gestrüpp. Es fühlte sich fast wie Dschungel an, nur dass uns ständig Spinnennetze im Gesicht landeten. Nach einigen Stunden suchten wir Schutz vor der mittlerweile extremen Hitze. Unter den Bäumen einer Schule machten wir ein Nickerchen, denn es war Wochenende. Zwei Kinder kamen mit ihrem Roller vorbei und wollten sich mit uns unterhalten. Später kamen sie tatsächlich zurück, diesmal mit einem Lunchpaket, welches ihnen ihre Mutter für uns mitgegeben hatte.

Natürlich musste Komoot auch in Usbekistan wieder beweisen, dass es Wege kennt, die keine Wege sind. Aus einem vermeintlichen Weg wurde dichtes Gestrüpp, dann kamen Dornen und schließlich Sand, in dem unsere Fahrräder kaum noch vorankamen. Bei fast 40 Grad schoben wir irgendwann nur noch genervt unsere Räder durch die Pampa.

Am Abend hielt ein Mann mit seinem Auto extra an, drehte um und lud uns zu sich nach Hause ein. Mit seiner Frau und den drei Kindern aßen wir gefüllte Teigtaschen und Unmengen Melone. Unsere Wäsche wurde gewaschen, wir durften duschen und draußen wurde uns eines dieser typischen Betten zum Schlafen hergerichtet. Die Kinder waren anfangs noch schüchtern, tauten aber schnell auf und wollten gar nicht mehr von uns weg. Es lohnt sich immer wieder, einfach zu allem Ja zu sagen.

Mit Gegenwind durch die Wüste

Am nächsten Morgen gab es Tee, frisches Brot, Rührei und traditionelle Salami. Bevor wir losfuhren, wurden wir natürlich noch mit Brot, Getränken und weiteren Melonen ausgestattet. Unsere Versuche, möglichst früh loszukommen, waren damit wieder einmal gescheitert.

Die nächsten Kilometer waren weniger spektakulär, dafür umso anstrengender. Schlechte Straßen, Gegenwind und Temperaturen um die 38 Grad machten selbst kurze Strecken zäh. In einem kleinen Supermarkt kauften wir Haferflocken und aßen unser Müsli im Schatten. Überall wurden wir beobachtet. Kinder kamen angelaufen, Erwachsene wollten die Hand schütteln oder ein Foto machen. Dabei waren alle unglaublich freundlich und respektvoll.

Mittags suchten wir wieder ein kleines Restaurant mit Schatten. Wir schliefen auf den typischen Liegeflächen ein und bekamen anschließend von einem netten Herren noch eine Handvoll Somsa. Danach ging es weiter, Kilometer für Kilometer. Am Abend fanden wir einen Platz an einem Feldweg und kochten noch Nudeln, während uns die Mücken fast auffraßen.

Am dritten Tag rollten wir schließlich nach Khiva. Die Straßen waren weiterhin katastrophal und der Asphalt fühlte sich eher wie eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern an. Kurz überlegten wir, wie fast alle anderen Radreisenden, die wir bisher trafen, einfach den Zug nach Bukhara zu nehmen. Aber genau deshalb waren wir ja nach Khiva gefahren. Wir wollten nicht einfach nur von A nach B kommen.

Also buchten wir ein günstiges Hotel direkt innerhalb der alten Stadtmauern und machten uns zu Fuß auf den Weg.

Khiva – Auf den Spuren der Seidenstraße

Khiva war eines der Highlights der bisherigen Reise. Sobald man durch die gewaltigen Mauern von Itchan Kala läuft, fühlt man sich tatsächlich wie in einem Aladin Film. Enge Gassen, riesige Lehmziegelmauern, türkisfarbene Kuppeln und Minarette. Alles sieht aus, als wäre man direkt in einem orientalischen Märchen gelandet.

Wir schlenderten ohne großen Plan durch die Altstadt und schauten uns unter anderem das berühmte Kalta-Minor-Minarett und die alten Moscheen und Medressen an. Obwohl natürlich Touristen unterwegs waren, war es erstaunlich entspannt. Niemand drängte sich auf und wir konnten die Stadt einfach genießen.

Am nächsten Morgen ging es wieder aufs Rad. Die Route führte uns erneut über kleine Wege, durch Kuhställe und Sackgassen. Irgendwann fuhren wir mitten zwischen Kühen hindurch, weil der Weg einfach durch einen Stall führte. Die Leute schauten uns an, als wären wir komplett verrückt, wahrscheinlich waren wir das auch.

Egal welche Straße wir nahmen, schnell war keine davon. Die Hauptstraße war kaum besser als die kleinen Schotterwege und überall gab es Schlaglöcher. Immerhin gab es hin und wieder einen Baum oder einen Fluss, unter dem wir Schatten fanden. Die Einheimischen badeten einfach im braunen Wasser, besonders die Kinder hatten dabei offensichtlich ihren Spaß.

Nach 100 Kilometern schlugen wir unser Zelt am Fluss auf. Die Mücken waren allerdings so zahlreich, dass wir uns nach dem Aufbau möglichst schnell ins Zelt verkrochen.

Erkin und die usbekische Gastfreundschaft

Am nächsten Morgen trafen wir Erkin. Eigentlich wollten wir nur kurz ein Foto vor einem Haus machen, dessen Wände aussahen wie die usbekische Flagge. Erkin sah uns, hielt an und erklärte per Übersetzer, dass wir mit ihm essen sollen. Ablehnen war keine Option.

Also saßen wir wenig später in einem Restaurant auf den niedrigen Liegeflächen und bekamen Unmengen Fisch, Getränke und Bier serviert. Erkin ist LKW-Fahrer, hat drei Kinder, eine kleine Farm und einen Supermarkt. Außerdem wollte er uns unbedingt zwei Tage später mit seinem LKW Richtung Samarkand mitnehmen. Wir tauschten Nummern aus und hatten plötzlich einen neuen Reiseplan.

Die Hitze wurde immer brutaler. Wir hangelten uns von einem kleinen Shop zum nächsten, bekamen Eis geschenkt und versuchten gleichzeitig, unser Bargeldproblem zu lösen. Immer weniger Geschäfte akzeptierten Karten und Geldautomaten gab es praktisch nicht. Irgendwann hatten wir nur noch ein paar Euro.

In einem Restaurant bestellten wir schließlich Pommes, weil wir nach dem ganzen Fisch wirklich nichts anderes mehr sehen konnten. Beim Bezahlen konnten wir mit viel Glück sogar noch etwas Bargeld abheben.

Am Abend bauten wir das Zelt hinter ein paar Dünen auf. Knapp 100 Kilometer waren geschafft, mehr war bei über 40 Grad und strapazierten Körpern einfach nicht drin.

Wüste, Trucks und eine geschenkte Melone

Die nächste Nacht war furchtbar. Der Sand blieb auch nach Sonnenuntergang heiß und irgendwann kamen so viele Mücken, dass wir die Zeltöffnungen geschlossen halten mussten. Wir wurden praktisch lebendig im Zelt gegrillt, viel Schlaf bekamen wir nicht.

Trotzdem ging es früh weiter. Wasser hatten wir kaum noch. Nach einigen Kilometern wurden wir von Truckern an ein kleines Café gewunken und bekamen Somsa. Danach folgte wieder kilometerweit nichts außer Steppe, Sand und gelegentlichen Dünen. Immerhin gab es ungefähr alle 30 Kilometer einen kleinen Shop, deutlich häufiger als in Kasachstan.

Die Hitze und der Wind machten uns trotzdem fertig. Teilweise traten wir mit voller Kraft und kamen gerade einmal mit 14 km/h voran. Immer wieder hielten Leute an, schenkten uns Fanta, Somsa oder Wasser und konnten kaum glauben, dass wir diese Strecke tatsächlich mit dem Fahrrad fahren.

Dann ging uns fast das Bargeld aus. In einem Shop konnten wir weder mit Karte zahlen noch Geld abheben. Nora wollte unbedingt eine Melone kaufen, aber dafür reichte unser Geld nicht mehr. Als hätte uns jemand erhört, lag ein paar Kilometer später tatsächlich eine Melone mitten im Sand am Straßenrand. Nora schnitt die äußere Schicht ab und wir aßen sie einfach dort. Selten hat eine Melone so gut geschmeckt.

Am Abend standen wir wieder vor dem nächsten Problem, kein Geld und keine Möglichkeit mit Karte zu bezahlen. Wir kochten Nudeln mit Wasser aus einem Schlauch hinter dem Shop und bekamen anschließend noch Kekse geschenkt. Der Besitzer hatte direkt neben seinem Laden sogar ein selbstgebautes Fitnessstudio mit Langhantel, Klimmzugstange und selbst gegossenen Gewichten. Ein ziemlich surrealer Anblick mitten in der Wüste.

Mit dem LKW Richtung Bukhara

Am nächsten Tag wurden wir schließlich von einem LKW-Fahrer mitgenommen, denn wir lehnen in dieser Reise kaum etwas ab. Er packte unsere Fahrräder auf die Ladefläche und nahm uns rund 50 Kilometer mit. Der Fahrer verbrachte die gesamte Fahrt damit, lautstark TikTok zu schauen.

Später fuhren wir die letzten Kilometer nach Bukhara selbst. Die Stadt war wieder komplett anders als Khiva. Wunderschöne Kuppeln, alte Medressen und Moscheen, aber deutlich mehr Touristen und Verkäufer. Nach den vielen Tagen in kleinen Dörfern fühlte sich die Stadt fast überladen an.

Wir waren inzwischen auch ziemlich fertig. Seit Tagen schliefen wir schlecht und die Hitze machte selbst nachts keinen Halt. Trotzdem wollten wir Bukhara natürlich anschauen und schlenderten noch durch die Altstadt, bevor wir uns mit Obst und Gemüse eindeckten und im Zimmer kochten.

Am nächsten Morgen ging es wieder los. Wir wollten eigentlich weiter Richtung Samarkand und dachten immer noch, Erkin würde uns mit seinem LKW einsammeln. Stattdessen landeten wir zunächst wieder an einer Tankstelle und dort passierte genau das, was wir inzwischen fast schon gewohnt waren.

Schlafen an der Tankstelle

Wir wurden herangewunken und bekamen einen Platz auf einer der Liegeflächen gegenüber der Tankstelle. Kurz darauf kam jemand mit einer Wassermelone. Dann kam Schaschlik. Dann Brot. Dann Cola. Dann Weintrauben und Pflaumen. Dann Eis.

Innerhalb weniger Minuten saßen wir mit mehreren Männern zusammen, übersetzten über das Handy und hatten mehr Essen vor uns, als wir jemals hätten essen können. Einer wollte uns sogar noch zu sich nach Hause einladen. Wir lehnten irgendwann dankend ab.

Am Ende wurde sogar noch unsere Benzinflasche für den Kocher aufgefüllt. Danach legten wir uns einfach mitten zwischen Tankstelle und Straße auf das Bett und schliefen. Nebenan wurde getanzt und Schaschlik gegrillt.

Es ist schwer zu erklären, wie selbstverständlich diese Gastfreundschaft hier ist. Wir kennen die Menschen nicht, sprechen kaum ihre Sprache und trotzdem werden wir ständig eingeladen, bekommen Essen, Getränke, einen Schlafplatz oder Hilfe. Niemand erwartet etwas dafür.

Am nächsten Tag trafen wir an einem kaputten LKW eine weitere Familie. Wieder wurden wir direkt mit Wasser und Melone versorgt, durften duschen und bekamen Fisch und Bier. Eine junge Frau, die Englischlehrerin war, konnte endlich richtig mit uns reden. Die Kinder tobten herum, die Großeltern machten Witze und irgendwann riefen wir sogar unsere Eltern an, damit sie die Familie kennenlernen konnten.

Mit dem Zug wäre die Reise sicherlich einfacher gewesen. Aber wir hätten dafür all diese Begegnungen verpasst.

Samarkand und Abschied von Usbekistan

Am letzten Tag fuhren wir weiter Richtung Samarkand. Wieder hielten wir unterwegs im Schatten, bekamen Kaffee, Kuchen, Brot oder kalte Getränke geschenkt und wurden von Menschen neugierig beobachtet.

Erkin tauchte schließlich tatsächlich noch einmal am Straßenrand auf. Er hatte Chips, geräucherten Käse und Bier für uns vorbereitet und freute sich riesig, uns wiederzusehen. Wir waren allerdings völlig fertig und wollten nach über 100 Kilometern an diesem Tag nur noch ins Bett.

Samarkand selbst empfanden wir etwas anders als Khiva und Bukhara. Die Stadt war voll mit Touristen, überall musste man Eintritt bezahlen und ständig wollte jemand etwas verkaufen oder Fotos machen. Nach den letzten Tagen in kleinen Dörfern und mit Einheimischen fühlte sich das plötzlich ziemlich künstlich an.

Trotzdem war Usbekistan für uns vor allem eines, ein Land voller unglaublicher Begegnungen. Die Hitze, der Gegenwind, die schlechten Straßen und die vielen Kilometer waren teilweise brutal. Aber genau dazwischen lagen die Momente, die wir niemals vergessen werden. Familien, die uns spontan zu sich nach Hause einladen, Kinder, die kilometerweit neben unseren Fahrrädern herfahren, Menschen, die uns Essen schenken, und Fremde, die einfach dafür sorgen wollen, dass es uns gut geht.

Und genau deshalb entscheiden wir uns immer wieder gegen den einfachen Weg. Wir könnten Zug fahren, könnten schneller von Stadt zu Stadt kommen und uns die schlimmsten Straßen sparen. Aber dann würden wir einen großen Teil dessen verpassen, weshalb wir überhaupt mit dem Fahrrad unterwegs sind.

Usbekistan war anstrengend, heiß und manchmal komplett absurd aber gleichzeitig eines der herzlichsten Länder unserer bisherigen Reise.

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