09 Aug. Kasachstan
Täglich über 40°C, viele Einladungen und erbamungsloser Gegenwind
Nach dem Flug nach Kasachstan landeten wir in Aktau und zu unserer großen Erleichterung waren auch die Fahrräder noch ganz. Zusammen mit einigen anderen Bikepackern legten wir uns ersteinmal für ein paar Stunden direkt am Flughafen auf den Boden und schliefen. Danach wurden die Fahrräder wieder zusammengeschraubt und gemeinsam mit den zwei Franzosen Victor und Cass ging es endlich los.
Schon nach wenigen Minuten bekamen wir einen ersten Eindruck davon, was uns in Kasachstan erwarten würde. Direkt neben der Straße stand ein Kamel, während Sand über die endlos gerade Straße geweht wurde. Die Landschaft sah genau so aus, wie man sich es vorstellt. Flach, trocken, staubig und mit einem Wind, der uns teilweise fast von der Straße blies.
Der erste Tag und eine unglaubliche Gastfreundschaft
Victor und seine Freundin Cassandre hatten bereits eine Unterkunft in Aktau gebucht, wir haben natürlich wieder nicht so weit geplant. Also fuhren wir noch ein Stück weiter. Kurz darauf wurden wir von einer älteren Frau angesprochen, die uns fragte, ob wir nicht zu ihr zum Duschen und Essen kommen wollten. Sie hatte sich selbst Englisch beigebracht und konnte sich erstaunlich gut mit uns unterhalten. Also folgten wir ihr. In ihrer Wohnung lag ihre Tochter mit einem kleinen Kind, ihr noch deutlich jüngerer Sohn war ebenfalls da und wir wurden sofort aufgenommen, als würden wir uns schon ewig kennen.
Zuerst gab es eine Melone und für jeden eine Dusche. Danach stellte die Frau einen riesigen Teller mit frittierten Teigbällchen auf den Tisch und anschließend Kartoffeln mit Pferdefleisch. Für uns natürlich etwas Besonderes, geschmacklich erinnerte es aber erstaunlich stark an Rind. Nora bekam außerdem ein traditionelles Kleid geschenkt, während Simon in einen riesigen Umhang und einen Hut gesteckt wurde, der mich noch einmal ungefähr zwanzig Zentimeter größer machte. Er sah damit eher wie ein Zauberer als wie ein Fahrradreisender aus. Dazu bekamen wir noch Ringe geschenkt.
Und damit war der Tag noch lange nicht vorbei. Wir bekamen literweise Cola und Bier, frisches Brot, Semmeln und sogar Geld, das wir eigentlich überhaupt nicht annehmen wollten. Die Leute bestanden allerdings so sehr darauf, dass wir irgendwann einfach aufgeben mussten.
Später sprach uns ein Mann aus seinem Auto heraus an und lud uns spontan auf einen Tee ein. Wenige Minuten später saßen wir mitten in seiner Großfamilie. Fünf Kinder, seine Frau, sein Bruder und dessen Kind und natürlich wir. Wieder wurde sofort Essen aufgetischt. Obst, Tee, Brot und schließlich ein riesiger Teller voller Fleisch. Wir hatte teilweise keine Ahnung mehr, welches Körperteil gerade vor uns lag.
Als wäre das alles noch nicht genug, wurde irgendwann eine Karaoke-Maschine aufgebaut. Simon musste singen und plötzlich schmetterte er Hans Söllner mitten in Kasachstan. Die Kinder tauten immer mehr auf, turnten auf uns herum und lachten sich kaputt.
Geradeaus, Gegenwind und Geschenke am Strassenrand
Am nächsten Morgen wurde bereits an unsere Tür geklopft, weil unsere Gastgeber Frühstück vorbereitet hatten. Obwohl wir eigentlich schnell loswollten, wurden uns noch Unmengen an Essen mitgegeben. Zwei Melonen, ungefähr fünfzehn Äpfel und unzählige Tomaten aus dem eigenen Garten. Unsere Fahrräder waren danach praktisch fahrende Obststände.
Die nächsten Kilometer waren landschaftlich weniger spektakulär. Die Straße zog sich einfach geradeaus durch die Steppe, bei ungefähr 35 Grad und ohne auch nur einen vernünftigen Schattenplatz. Immer wieder hielten Menschen an und schenkten uns Wasser, Bier oder andere Kleinigkeiten. Überall spürten wir dieses Interesse an uns und unserer Reise.
Am Abend fanden wir hinter einem Hotel einen ruhigen Platz im Schatten. Wir kochten, tauschten unseren Standort mit Cass und Victor aus und verbrachten noch einen ruhigen Abend zusammen. Nach dem Trubel der ersten Tage tat ein bisschen Normalität fast gut.
Remote in der Wüste
Am dritten Tag wurde es ernst. Wir wollten eine Route fahren, vor der uns bereits mehrere andere Radreisende gewarnt hatten. Von Zhanaozen sollte es über die Nekropole Shopan Ata und weiter nach Beket Ata gehen, bevor wir über eine abgelegene Gravelstrecke wieder Richtung Hauptstraße fahren wollten.
Felix und Laura hatten die Strecke wenige Tage zuvor selbst ausprobiert, waren wegen der Hitze und des Windes aber umgedreht und schließlich mit einem LKW zurück auf die Hauptstraße getrampt. Sie erzählten uns von über 40 Grad und einem Wind wie ein Föhn in einer Sauna.
Wir wollten es trotzdem selbst versuchen.
Im Supermarkt deckten wir uns deshalb mit Wasser ein. Jeder packte ungefähr fünfzehn Liter aufs Fahrrad. Flaschen wurden überall befestigt, wo irgendwie Platz war, und auch beim Essen konzentrierten wir uns auf möglichst viele Kalorien bei möglichst wenig Gewicht. Unsere Fahrräder waren so schwer wie noch nie.
Selbst ein umgefallener Einkaufswagen mit riesigen Wassermelonen konnte unsere Stimmung nicht trüben. Eine Melone zerbrach dabei zwar, aber anstatt sich über uns aufzuregen, schenkte uns der Mann kurzerhand eine andere.
Kurz hinter der Stadt kamen die ersten Ölfelder. Dazwischen standen Kamele und sogar kleine Sandtornados zogen über die Landschaft. Je weiter wir fuhren, desto weniger Verkehr gab es. Irgendwann waren die Straßen, die wir auf Google Maps noch gesehen hatten, verschwunden. Es fühlte sich tatsächlich so an, als würde hier das eigentliche Abenteuer beginnen.
An der ersten Moschee machten wir eine lange Pause. Wir lagen eine Stunde unter einem kleinen Dach auf dem Boden, völlig gekocht von der Sonne. Unser Wasser war inzwischen so warm, dass wir Teebeutel hineinhängten, damit es wenigstens ein bisschen angenehmer zu trinken war.
Kurz darauf hielt ein Geländewagen und schenkte uns eiskalte Getränke. Ein anderes Mal bekamen wir sogar ein kaltes Bier und tranken es direkt während der Fahrt.
Eine Nacht in der Moschee
An der Moschee fragten wir nach einem Platz für unsere Zelte. Stattdessen wurden wir direkt in einen Teppichraum geführt und bekam gesagt, dass wir dort schlafen könnten.
Kurz darauf wurden wir in eine riesige Jurte zum Essen eingeladen. Mehrere Menschen saßen bereits auf dem Boden, überall lagen Kekse und Snacks und natürlich wurde sofort Tee ausgeschenkt. Eine junge Frau sprach Nora an und erklärte uns auf sehr gutem Englisch alles, was wir wissen wollten.
Dann wurde das traditionelle Essen serviert. Männer und Frauen saßen getrennt, wir wurden in Gruppen aufgeteilt und bevor gegessen wurde, wusch man uns die Hände. Jemand kam mit einer Kanne und einer Schüssel und goss jedem Wasser über die Hände.
Dann kamen die riesigen Teller.
Reis, unglaublich viel Fleisch und praktisch jedes erdenkliche Teil eines Schafes. Füße, Kopf, Zunge, Innereien und diverse Organe, bei denen wir nicht einmal ansatzweise wussten, was sie waren. Simon wurde ein riesiger Knochen gereicht, während Victor einen kompletten Schafsfuß mit Fell und Nägeln bekam und diesen tatsächlich abnagte.
Die Menschen fanden unsere Ratlosigkeit eher amüsant und halfen uns geduldig dabei, die einzelnen Teile zu identifizieren. Sogar von einem traditionellen Kinderspiel erzählte man uns, bei dem offenbar das Kniegelenk eines Schafes verwendet wird.
Nach dem Essen wurde gebetet. Der wohl älteste Mann sprach das Gebet, während alle ihre Hände vor das Gesicht hielten. Wir verstanden kein Wort, aber trotzdem war der Moment irgendwie schön. Anschließend erfuhren wir, dass in dieser Moschee grundsätzlich jeder Essen und einen Schlafplatz bekommt, unabhängig davon, wer man ist oder woher man kommt.
Wir gingen schließlich in unseren Raum schlafen, während kleine Katzen über den Boden rannten.
Wenn aus Abenteuer plötzlich Krankheit wird
Am nächsten Morgen fühlte sich Simon bereits schlecht. Ihm war übel, hatte seit mehreren Tagen Probleme mit der Verdauung und konnte kaum etwas essen. Kurz nachdem Cass und Victor ihre Sachen gepackt hatten, musste er sich zum ersten Mal übergeben.
Danach ging es schnell bergab.
Menschen kamen weiterhin in die Moschee und wollten mit uns sprechen, doch er bekam davon kaum noch etwas mit. Seine Arme und Beine fühlten sich schwer an. Er konnte kaum noch einen Bissen essen und selbst Trinken funktionierte nicht. Was er zu sich nahm, kam kurze Zeit später wieder heraus.
Wir legten uns unter ein kleines Dach neben der Moschee. Draußen waren weiterhin ungefähr 35 Grad. Die hundert Kilometer vom Vortag in der prallen Sonne hatten seinen Körper offenbar deutlich mehr belastet, als wir zunächst gedacht hatten.
Er schlief fast den gesamten Tag. Teilweise wachte er auf, konnte aber nicht einmal die Augen richtig öffnen. So schlecht hatte er sich seit Dengue in Indonesien nicht mehr gefühlt.
Zum Glück waren wir nicht mitten im ausgesetzten Teil der Strecke. Dort wäre eine solche Situation ein echtes Problem gewesen. Wir beschlossen deshalb, noch eine Nacht zu bleiben. Den ganzen Tag bekam Simon eigentlich nur ein paar Stücke Wassermelone und drei kleine Stücke Schokolade herunter.
Am nächsten Morgen war die extreme Übelkeit endlich etwas besser. Simon musste sich nicht mehr übergeben und konnte sogar wieder auf die Toilette gehen, eine ziemlich große Erleichterung, nachdem wir zwischenzeitlich tatsächlich Angst vor einem Darmverschluss gehabt hatten.
Wir beschlossen trotzdem, noch einen weiteren Tag zu bleiben. Wegzukommen wäre ohnehin nicht einfach gewesen. Wir hätten die hundert Kilometer zurücktrampen, von dort wieder zur Hauptstraße gelangen und anschließend erneut nach Norden trampen müssen.
Also blieb nur Ausruhen und hoffen, dass es am nächsten Tag weitergehen konnte.
Drei Tage in der Moschee Shopan-Ata
Unser unfreiwilliger Aufenthalt in der Moschee wurde langsam etwas länger als ursprünglich geplant. Wir lagen viel herum, schauten Serien und versuchten, wieder zu Kräften zu kommen. Zwei Tage ohne Fahrradfahren taten unseren Körpern erstaunlich gut.
Zwischendurch wurden wir erneut zum Essen eingeladen. Ein etwas seltsamer Mann sprach uns auf Russisch an, während die Übersetzungs-App teilweise völlig absurde Sätze ausspuckte. Trotzdem verstanden wir irgendwann, dass er uns zum Essen in die Jurte einladen wollte. Dort bekamen wir Tee und später eine riesige Tüte voller Brot und Süßigkeiten. Perfekt für die kommenden Tage, da es keinerlei Einkaufsmöglichkeiten auf dem Weg gibt und der längere Aufenthalt schon einen Teil der eingeplanten Essensvorräte aufgebraucht hatte.
Gleichzeitig entwickelte sich langsam ein schlechtes Gewissen. Wir waren mittlerweile drei Nächte dort, aßen kostenlos und wurden trotzdem weiterhin freundlich versorgt. Die Menschen fragten zwar immer wieder, wie lange wir noch bleiben wollten, aber vermutlich war das genauso freundlich gemeint wie alles andere.
In der Nacht wurde unser Schlaf allerdings etwas schwieriger. Immer wieder kamen Menschen mit Taschenlampen in den Raum, später legten sich plötzlich mehrere Frauen neben uns und gegen drei Uhr morgens war dort deutlich mehr Bewegung als Schlaf.
Wir stellten den Wecker auf fünf Uhr.
Nach den vergangenen Tagen wussten wir inzwischen, dass man die Hitze hier ernst nehmen muss.
Früh los und wieder rein in die Wüste
Kurz nach Sonnenaufgang machten wir uns schließlich auf den Weg. Schon wenige Minuten später standen ungefähr zwanzig Kamele direkt vor uns auf der Straße. Dazu kamen Sanddünen und Felsen, die aussahen wie Tiramisu, weil sich die unterschiedlich gefärbten Gesteinsschichten übereinander stapelten.
Dann begann es zu donnern.
Innerhalb weniger Minuten zog ein schwarzes Gewitter auf und plötzlich waren wir komplett durchnässt. Noch kurz zuvor hatten wir gedacht, wir würden vor Hitze sterben, und plötzlich war uns kalt. Das Gewitter zog genauso schnell weiter, wie es gekommen war, und wir fuhren weiter Richtung Beket Ata.
Dort füllten wir unsere Wasservorräte noch einmal bis zum Anschlag auf. Für den nächsten Abschnitt hatten wir jeweils mehr als fünfzehn Liter dabei. Danach würde die asphaltierte Straße endgültig verschwinden und für rund hundert Kilometer durch Sand und Steppe führen, ohne Geschäfte, ohne Versorgung und mit kaum einer Chance, ein Auto anzuhalten.
Bevor wir losfuhren, besuchten wir noch die Moschee von Beket Ata. Die Toiletten waren dabei eine Erfahrung für sich. Der Geruch von Urin war so intensiv, dass Simon mehrfach wieder herausging, bevor er sich schließlich doch hineingetraut hat. Die Kabinen waren kaum einen Meter hoch und bestanden aus den bekannten Löchern im Boden, diesmal mit zwei Holzpflöcken zum Draufstellen. Die letzte „Kabine“ hatte sogar eine wunderbare Sitzgelegenheit, die Simon allerdings mied. Siehe selbst warum.
Viel beeindruckender war allerdings die eigentliche Moschee. Über unzählige Treppen ging es hinunter in die Felsen. Dort lagen die Gräber von Beket Ata und seiner Familie. Wir wurden von anderen Besuchern zum Gebet mitgenommen und saßen schließlich gemeinsam in der kleinen Höhle. Eine Frau weinte während des Gebets, anschließend berührten alle einen Holzstamm. Beim Hinausgehen musste man rückwärts und mit dem linken Fuß zuerst durch eine kleine Öffnung klettern.
Zum Abschied bekamen wir noch Wasser aus einer Quelle, dem eine besondere Bedeutung zugeschrieben wird, und natürlich wieder Tee und Gebäck.
Dann begann die eigentliche Wüstenetappe.
Hunderte Kilometer durch die kasachische Steppe
Wir waren nervös. Andere Radreisende hatten uns von diesem Abschnitt erzählt, als wäre er beinahe lebensgefährlich. Felix und Laura hatten umgedreht, andere waren ebenfalls vor der Hitze und dem Wind gewarnt worden.
Trotzdem wollten wir es versuchen.
Die ersten Kilometer waren sogar erstaunlich angenehm. Wir starteten früh, die Temperaturen waren noch nicht ganz so heiß und der Wind hielt sich in Grenzen. Die Landschaft war komplett flach und schien sich endlos in alle Richtungen auszudehnen. Sand, trockene Pflanzen und immer wieder Kamele.
Dazu kamen wilde Pferde, kleine Schlangen und riesige Grashüpfer, die uns teilweise mit Karacho ins Gesicht sprangen. Auf dem GPS sahen wir oft nur die grobe Richtung. Zwischen unzähligen kleinen Sandwegen mussten wir selbst entscheiden, welcher davon wohl in die richtige Richtung führte.
Gegen Mittag wurde die Sonne erbarmungslos. Schatten gab es schlicht nicht.
Irgendwann entdeckten wir die Ruine eines alten Gebäudes. Nur noch wenige Steine waren übrig, aber eine Wand stand noch und diese war plötzlich der wertvollste Ort der gesamten Wüste. Auf der anderen Seite lag ein toter Kamelkadaver, aber das war uns in diesem Moment ziemlich egal. Hauptsache Schatten.
Wir kochten dort etwas, das sich später als ziemlich enttäuschendes Couscous herausstellte, tranken unsere Cola und versuchten mit der Zeltplane ein bisschen Schatten zu erzeugen. Der Wind machte das allerdings unmöglich.
Dann mussten wir weiter.
Der Gegenwind wurde immer stärker. Auf dem sandigen Untergrund kamen wir teilweise nur mit ungefähr zehn Stundenkilometern voran. Die Böen drückten uns seitlich weg und gleichzeitig gab es keine Möglichkeit, einfach irgendwo Pause zu machen. Ohne Schatten würde man nur in der prallen Sonne liegen.
Also hieß es weiterfahren.
Nach einigen Stunden waren wir so fertig, dass wir unsere Fahrräder aufstellten und uns direkt dahinter legten. Die Räder produzierten gerade genug Schatten, um zumindest den Kopf vor der Sonne zu schützen. Nora lag auf der Zeltplane, ich einfach im Dreck. Eine Stunde Pause fühlte sich plötzlich wie purer Luxus an.
Das absolute Highlight waren jedoch die unglaublichen Schlafplätze und Sonnenuntergänge. Wir waren den ganzen Tag komplett alleine und man sieht vielleicht ein Auto pro Tag. Diese Ruhe und Abgeschiedenheit erlebt man nicht häufig und wir haben es sehr genossen.
Als wir schließlich ungefähr achtzig der hundert Kilometer geschafft hatten, ging es in den Endspurt. Nach sechs Stunden Gegenwind erreichten wir am Abend unseren Schlafplatz. Rechts von uns stand eine Herde Wildpferde, links Kamele. Wir kochten Reis mit Sojasauce und sahen dabei zu, wie die Sonne die Steppe dunkelrot färbte.
Der gefürchtete Abschnitt war fast geschafft.
Und wir hatten sogar noch viel zu viel Wasser.
Zurück auf Asphalt
Am nächsten Morgen klingelte der Wecker wieder um fünf. Noch ein paar Kilometer Sand und Staub lagen vor uns, dann hatten wir endlich wieder Asphalt unter den Reifen.
Wir waren komplett eingestaubt. Fahrräder, Kleidung, Taschen, alles war mit einer dicken Sandschicht überzogen. Gleichzeitig waren wir einfach erleichtert, dass wir die Wüstenetappe geschafft hatten, ohne dass Simon erneut krank geworden war.
Jetzt lagen noch ungefähr 180 Kilometer bis Beyneu vor uns.
Die Straße war zwar laut Karte leicht abschüssig, trotzdem kämpften wir uns bei Gegenwind teilweise nur mit 16 bis 19 Kilometern pro Stunde vorwärts. Bei 35 Grad war das ziemlich zermürbend.
In einem Bushäuschen kochten wir Porridge und kippten zerbröselte Kekse und alles andere mit möglichst vielen Kalorien hinein. Danach ging es weiter.
Nach ungefähr sechzig Kilometern fanden wir endlich ein Restaurant. Wir hatten inzwischen die Nase voll von Fleisch und bestellten gebratenen Reis. Während die Einheimischen neben uns genüsslich an Knochen nagten und irgendeine Brühe tranken, waren wir mit unserem Reis vollkommen zufrieden.
Das Restaurant hatte eine Klimaanlage und eine kleine Liegefläche mit niedrigen Tischen und buntem Bettzeug. Genau das Richtige für zwei völlig überhitzte Radfahrer. Zwei Stunden verbrachten wir dort, während Bauarbeiter und LKW-Fahrer hereinkamen, Cola und Schnaps bestellten und Polizisten ihren Mittagsschlaf machten.
Irgendwann wurde die Klimaanlage ausgeschaltet und die Musik auf maximale Lautstärke gedreht. Wir verstanden das Zeichen und fuhren weiter.
Im nächsten Restaurant gab es Nudeln mit Zwiebeln, Kartoffeln und Ketchup, wieder genau das, was wir nach diesem Tag brauchten.
Nach insgesamt rund 106 Kilometern fanden wir unseren Schlafplatz direkt neben der Straße an einem Wasserloch. Pferde und Kamele standen daneben und wir waren einfach froh, dass der Tag vorbei war.
Die letzten Kilometer nach Beyneu
Der letzte Tag auf der Straße nach Beyneu war mental wohl einer der härtesten. Kilometer für Kilometer sahen wir nichts außer Steppe, Autos, Kamelen und einer Straße, die einfach nicht enden wollte. Der permanente Gegenwind und die Hitze zerrten an den Kräften. Pausen waren schwierig, weil es schlicht keinen Schatten gab. Ab Mittag war die Sonne so brutal, dass man eigentlich gar nicht mehr draußen sein wollte.
Wir fuhren irgendwann einfach nur noch Kilometer ab, hörten Podcasts und versuchten, nicht zu viel darüber nachzudenken. Die letzten 30 Kilometer wurde der Wind noch stärker und wir kämpften uns teilweise mit 15 km/h bergab.
Als wir endlich Beyneu erreichten, gönnten wir uns ein günstiges Hotel. Nach Tagen voller Staub und Schweiß war eine Dusche, eine Waschmaschine und ein richtiges Bett unbezahlbar. Wir gingen dann noch Pizza und Pommes essen und danach noch ein Eis.
Es war ein harter Tag und eine gute Erinnerung daran, dass eine Radreise nicht immer nur aus schönen Landschaften und tollen Begegnungen besteht. Manche Tage sind einfach nur anstrengend. Aber wahrscheinlich genießt man die guten Tage gerade deshalb umso mehr.
Abschied von Kasachstan
Am letzten Morgen stellte sich heraus, dass unsere Wäsche offenbar nie eine Waschmaschine gesehen hatte. Immerhin bekamen wir unser Geld zurück. Danach frühstückten wir mit anderen Bikepackern und sprachen über den Pamir Highway, bevor wir uns mit Snacks für die Zugfahrt eindeckten. Der Grenzübergang von Kasachstan nach Usbekistan ist für jeglichen Verkehr aufgrund von umfassenden Bau- und Renovierungsarbeiten komplett gesperrt. Weshalb wir hier, wie alle anderen auch, den Zug nehmen müssen und bis nach Nukus fahren.
Der Weg zum Bahnhof war bei fast 40 Grad noch einmal eine kleine Herausforderung. Ein Soldat half uns schließlich, das richtige Gleis zu finden. Dort trafen wir weitere Radreisende und schlossen uns ihnen an. Einige davon kannten wir bereits aus Georgien. Wir trafen sie damals vor dem Bike Shop wo wir unsere Räder für den Flug vorbereiteten.
Die Fahrräder wurden ziemlich brutal in den Zug gepresst und unsere Pässe eingesammelt. Danach saßen wir über zwei Stunden in einem völlig überhitzten Wagon, bevor der Zug endlich losfuhr. An der Grenze zu Usbekistan begann das Ganze wieder von vorne. Pässe abgeben, Gepäck komplett durchsuchen lassen und die Fahrräder aus dem Zug heben.
Im Zug herrschte anschließend völliges Chaos. Verkäufer drängten sich durch die engen Gänge und boten alles an, was man sich vorstellen konnte. Schaschlik, Teigtaschen, Reisgerichte, Suppen, Schmuck, SIM-Karten und Kleidung. Dazu kamen Kinder, die schrien, Menschen, die husteten, und fast 40 Grad Hitze.
Irgendwann kletterten wir in unsere Schlafabteile und versuchten zu schlafen. Ohne Klimaanlage war es zwar heiß, aber durch das offene Fenster kam während der Fahrt immerhin etwas Luft.
Nach zehn Tagen Kasachstan fühlte sich die Abfahrt irgendwie passend an. Anstrengend, chaotisch, heiß und gleichzeitig voller unglaublicher Begegnungen.
Kasachstan war für uns vor allem eines, ein Land, das uns immer wieder überrascht hat. Die Landschaft war manchmal brutal, die Straßen endlos und der Gegenwind gnadenlos. Gleichzeitig wurden wir selten irgendwo so herzlich aufgenommen. Menschen hielten an, schenkten uns Essen und Getränke, luden uns in ihre Häuser ein und teilten mit uns, was sie hatten.
Und genau diese Mischung wird uns von Kasachstan wohl am längsten im Gedächtnis bleiben.
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