01 Juli Türkei
Wir sind in Asien – sehr viel Çay und unglaublich liebe Menschen.
Nach knapp zwei Monaten auf dem Fahrrad hieß es für uns Europa zu verlassen. Von Athen über die griechische Insel Chios ging es mit der Fähre hinüber nach Çeşme. Obwohl es nur eine kurze Überfahrt war, fühlte sie sich irgendwie besonders an. Zum ersten Mal seit Reisebeginn würden wir einen neuen Kontinent betreten. Während um uns herum eine Reisegruppe aus Kolumbien völlig ungläubig versuchte zu verstehen, dass wir tatsächlich mit unseren Fahrrädern bis nach Japan fahren wollten, wurde uns selbst langsam bewusst, wie weit wir inzwischen schon gekommen waren.
Die Vorfreude war riesig.
Schon in den ersten Tagen merkten wir, dass uns dieses Land vor allem wegen seiner Menschen in Erinnerung bleiben würde. Egal wo wir anhielten, irgendjemand kam fast immer auf uns zu, wollte wissen, wo wir herkommen, wohin wir fahren oder drückte uns einfach Wasser, Tee oder etwas zu essen in die Hand.
Bereits auf den ersten Kilometern wurden wir immer wieder neugierig angesprochen. Aus einem kurzen „Merhaba“ wurde oft ein längeres Gespräch mit Händen und Füßen und fast immer endete es gleich: „Çay?“
Wir hatten gerade erst die Grenze überquert und wurden schon zum ersten Tee eingeladen.
Murad und Gülüstan waren die ersten von unglaublich vielen Menschen, die uns ohne irgendeinen Hintergedanken helfen wollten. Eigentlich fragten wir meistens nur ob die Leute einen naheliegenden Ort kannten wo wir unser Zelt aufspannen konnten. Stattdessen saßen wir plötzlich gemeinsam im Garten, tranken Tee, lernten ihre Familie kennen und wurden verabschiedet, als würden wir uns schon seit Jahren kennen.
Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, dass genau das in den nächsten Wochen fast zum Alltag werden würde.
Auch kulinarisch mussten wir uns erst einmal an das Land gewöhnen.
Natürlich durfte die berühmte türkische Eiscreme nicht fehlen. Schon beim ersten Versuch merkten wir schnell, dass dieses Eis nicht viel mit dem zu tun hat, was wir von zuhause kennen. Es zieht Fäden und klebt wie Kaugummi. Geschmacklich hervorragend, aber definitiv gewöhnungsbedürftig.
Dass wir inzwischen langsam im Süden angekommen waren, merkten wir auch an einer ganz anderen Sache.
Unsere Tanlines wurden immer deutlicher. Hände, Beine und Arme nahmen langsam unterschiedliche Farbtöne an. Besonders gewöhnungsbedürftig sahen unsere Füße bzw. die Abdrücke der Schlappen aus.
Wie schon in den vorherigen Ländern entschieden wir uns auch in der Türkei bewusst gegen die schnellste Route.
Natürlich hätte man viele Kilometer auf breiten Hauptstraßen sparen können. Aber genau deshalb waren wir nicht unterwegs. Lieber nahmen wir täglich einige hundert Höhenmeter mehr in Kauf und waren dafür fast alleine unterwegs. Kleine Bergstraßen, Gravelwege und abgelegene Dörfer bedeuteten zwar mehr Anstrengung, aber genau dort spielte sich das eigentliche Leben ab. Je weiter man sich weg von Straßen und Städten bewegte, desto netter wurden die Leute.
Fast jeden Tag fanden wir Schlafplätze mit noch schönerer Aussicht als am Abend zuvor.
Mal an kleinen Seen und Flüssen. Mal irgendwo zwischen Wäldern. Mal mit Blick über ganze Täler. Und manchmal einfach mitten im Nirgendwo.
Einer der ersten besonderen Stopps war ein kleiner Schafsmarkt.
Zwischen hunderten Schafen, Händlern und neugierigen Blicken lernten wir Kemal kennen. Innerhalb weniger Minuten standen wir mitten zwischen den Verkäufern und in den Ställen. Es wurden Selfies gemacht und Werbebilder wie Simon ein Schaf kauft. Wir tranken Tee und beobachteten das geschäftige Treiben. Sprachlich verstanden wir uns kaum, aber das schien überhaupt keine Rolle zu spielen. Die Menschen lachten viel. Wir lachten mit.
Und irgendwie funktionierte die Unterhaltung trotzdem.
Überhaupt war es faszinierend, wie oft Kommunikation ganz ohne gemeinsame Sprache funktionierte.
Je weiter wir ins Landesinnere fuhren, desto öfter hielten wir unterwegs einfach am Straßenrand an.
Wir bedienten uns an den umliegenden Obstbäumen und Beerensträuchern. Während wir irgendwo im Schatten saßen und die Fahrräder an einen Baum lehnten, dauerte es meistens keine fünf Minuten, bis jemand anhielt und fragte, ob alles in Ordnung sei und ob wir Hunger haben.
Selbst die Bauern, die auf ihren Feldern arbeiteten, schickten uns nicht weg, wenn sie sahen, dass wir auf ihren Feldern zelteten. So kennen wir das ja oft von Zuhause. Ganz im Gegenteil.
Oft bekamen wir einfach eine Flasche Wasser in die Hand gedrückt oder wurden auf einen Tee eingeladen.
Wir hatten langsam das Gefühl, dass Gastfreundschaft hier nicht die Ausnahme, sondern selbstverständlich war.
Natürlich sorgte auch Komoot dafür, dass unsere Routen „abwechslungsreich und voller Abenteuer“ waren. Immer wieder führte uns die App über Wege, bei denen wir uns fragten, ob hier überhaupt jemals ein Fahrrad unterwegs gewesen war. Manchmal endeten die Wege mitten auf einem Feld.
Die Türkei überraschte uns schon in den ersten Tagen mit ihrer unglaublichen Vielfalt. Grüne Täler wechselten sich mit trockenen Hochebenen ab, dazwischen kleine Dörfer, Seen und unzählige Berge.
Jeder Tag fühlte sich anders an.
Egal wo wir hinkamen, wurden wir ständig beschenkt.
Mal gab es frisches Obst. Mal selbstgebackenes Brot. Mal selbstgemacht Oliven Seife. (Kann mir nicht vorstellen warum er das für eine gute Idee hielt.) Wir wussten irgendwann gar nicht mehr, wie wir uns für all diese Herzlichkeit bedanken sollten.
Und dabei hatte die eigentliche Reise durch die Türkei gerade erst begonnen.
Nach den ersten Wochen wurde schnell klar, dass die Türkei voller Überraschungen steckt. Eigentlich wollten wir nur weiter Richtung Osten rollen, doch fast täglich wurden wir irgendwo aufgehalten. Meistens nicht von Defekten oder schlechtem Wetter, sondern von Menschen.
So landeten wir eines Tages mitten in riesigen Rosenfeldern. Die Ernte war gerade in vollem Gange und ganze Familien arbeiten zusammen. Die einen bringen Riesen Säcke mit den Rosenblättern, die anderen wiegen diese und andere bringen sie weg zur weiteren Verarbeitung. Besonders Nora bekam Unmengen an Rosenblättern geschenkt, aus denen später unter anderem Produkte für L’Oréal hergestellt werden. Wir saßen zusammen mit der ganzen Familie und tranken Çay.
Überhaupt entwickelte sich Çay langsam zu einem festen Bestandteil unseres Tagesablaufs. Egal ob Tankstelle, kleiner Dorfladen oder irgendein Platz am Straßenrand. Fast überall wurden wir auf einen Tee eingeladen. Uns kam es vor als würden die Türken das Haus ohne deren Tee Kanne erst gar nicht verlassen.
Landschaftlich wurde es immer spektakulärer. Wälder wechselten sich mit riesigen Feldern, Seen und steilen Bergstraßen ab. Gleichzeitig blieb Komoot seiner Linie treu und schickte uns immer wieder auf Wege, bei denen wir uns fragten, ob hier überhaupt jemals ein Fahrrad unterwegs gewesen war. Oft fluchten wir anfangs über die Route, nur um kurze Zeit später mit einer Aussicht belohnt zu werden, die jede Schiebepassage wieder vergessen ließ.
Ganz ohne Herausforderungen ging es natürlich trotzdem nicht weiter. Die starken Gewitter begleiteten uns über viele Tage. Einmal versuchten wir noch rechtzeitig vor einer schwarzen Wolkenwand zu flüchten, doch der vorherige Regen hatte unseren Weg bereits in eine einzige Schlammpiste verwandelt. Der klebrige Lehm setzte sich sofort im Reifenprofil fest und machte das Fahren beinahe unmöglich. Die Räder rutschten über den Untergrund wie auf Eis. Irgendwann blieb nur noch Schieben. Häufig werden wir gewarnt von Bauern die uns raten nicht unsere geplanten Wege zu nehmen. Sie können sich oft nicht vorstellen wo man mit dem Fahrrad überall hochkommt und bisher waren meistens die Wege vor denen wir gewarnt wurden, die besondersten und schönsten.
Zum Glück wartete hinter der nächsten Kurve oft schon die nächste freundliche Begegnung. Auf den Erdbeerfeldern wurden wir direkt zum Probieren eingeladen und natürlich blieb es auch dieses Mal nicht dabei. Wenig später saßen wir schon mit einer anderen Familie in deren Haus, tranken Ayran und versuchten uns mit Händen, Füßen und ein paar englischen Wörtern zu unterhalten.
Immer wieder erlebten wir, wie schnell sich in kleinen Dörfern Menschen um uns versammelten. Kaum blieben wir irgendwo stehen, dauerte es oft keine zwei Minuten, bis neugierige Kinder, ältere Männer oder ganze Familien auftauchten. Einmal trafen wir auf eine Herde an Kindern, die an diesem Tag ihren eigenen kleinen Radmarathon veranstalteten. Sie gaben uns türkische Flaggen und wollten uns gar nicht mehr gehen lassen. Wir waren umzingelt von Kids auf den wildesten Rädern, aber alle hatten die größte Freude und die beste Zeit.
Auch die Gewitter blieben uns treu. Häufig wechselte das Wetter innerhalb weniger Minuten von strahlendem Sonnenschein zu starkem Regen mit Hagel und wieder zurück. Umso schöner waren die Momente danach. Mehrfach standen wir nach einem heftigen Unwetter mitten in der Landschaft und blickten auf riesige Regenbögen und spektakuläre Sonnenuntergänge.
Abseits der touristischen Orte fiel uns immer wieder auf, wie einfach viele Menschen lebten. Kleine Lehmhäuser gehörten genauso zum Landschaftsbild wie die Städte. Als wir irgendwann eine Möglichkeit suchten, unsere Kleidung zu waschen, fanden wir statt einer Laundry fast ausschließlich Teppichreinigungen. Auch das war wieder typisch Türkei.
Dass morgens plötzlich eine Schafherde direkt durch unseren Schlafplatz zog, überraschte uns inzwischen kaum noch. Irgendwann gehörte selbst das einfach zum Alltag.
Vor einem Supermarkt sprach uns ein Barber an und machte unmissverständlich klar, dass es für Simon Zeit für einen Haarschnitt sei. Viel Auswahl gab es nicht. Eigentlich standen genau zwei Frisuren zur Verfügung. Einmal kurz und „half half“. Simon wählte Frisur Nr. 2. Wenig später ging es mit frischem Schnitt zurück aufs Rad.
Unser nächstes großes Ziel war Kappadokien. Zwar kennt man die Bilder der berühmten Felslandschaften und der Heißluftballons, trotzdem war es etwas völlig anderes, dort selbst mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Wir konnten alles in unserem eigenen Tempo erkunden, schlugen unser Zelt an einem traumhaften Platz auf und wurden am Morgen mit unzähligen Ballons belohnt, die lautlos über die wunderschöne Landschaft flogen. Dieser Morgen gehört definitiv zu den Highlights unserer bisherigen Reise. Wir schliefen dort alleine und auch am Morgen waren keine anderen Menschen zu sehen.
Zwischen den markanten Felsformationen erkundeten wir einige der beeindruckenden Höhlenbauten, bevor wir weiter Richtung Osten fuhren. Die Landschaft wurde wieder deutlich grüner und schon bald beobachteten wir riesige Wasserbüffel, die entspannt im Wasser lagen und sich von der Hitze abkühlten.
Das nächste Gewitter ließ nicht lange auf sich warten. Wieder suchten wir Schutz und wieder half uns jemand völlig selbstverständlich. Ibrahim stellte uns kurzerhand seine freie Wohnung zur Verfügung. Am Abend kochte er für uns und gemeinsam mit seinen Freunden verbrachten wir viele Stunden bei gutem Essen. Für Simon bedeutete das außerdem, beim Raki trinken mitzuhalten, was für die bayrische Leber kein Problem war.
Auch später, als wir bei der Frage nach einem Schlafplatz zum Dorfvorsteher geschickt wurden, blieb es nicht bei einer einfachen Erlaubnis. Noch am selben Abend wurden wir auf Çay eingeladen und am nächsten Morgen saßen wir bereits mit seiner gesamten Familie beim Frühstück. Solche Begegnungen wurden in der Türkei fast schon zur Normalität und beeindruckten uns jedes Mal aufs Neue.
Die Berge wurden nun immer höher. Vorbei an unzähligen Stauseen und durch wunderschöne Nationalparks arbeiteten wir uns langsam weiter nach Osten. Die Temperaturen stiegen von Tag zu Tag. Melonen und Eis entwickelten sich zu unserem absoluten Lieblingssnacks während der Mittagspausen. Trotzdem warteten immer wieder lange und steile Anstiege auf uns.
Zwischendurch führte uns die Strecke sogar durch ein riesiges Erz- und Goldabbaugebiet. Am Abend trafen wir Mehmet und Eyup, die kurzerhand Fisch grillten, Salat von zu Hause mitbrachten und ihr Bier mit uns teilten. Aus einem kurzen Gespräch wurde wieder einmal ein unvergesslicher Abend.
Kurz darauf begegneten wir Philipp aus Berlin. Gerade einmal 19 Jahre alt und seit elf Monaten mit dem alten Fahrrad von seinem Papa unterwegs, der damit selbst einmal vor vielen Jahren durch Amerika radelte. Er fuhr in die andere Richtung von China zurück nach Deutschland. Wir tauschten Geschichten, Tipps und Erfahrungen aus, bevor sich unsere Wege wieder trennten.
Als wir an einem anderen Abend erneut auf Schlafplatzsuche waren, wurden wir von Einheimischen vor Bären gewarnt. Nach einem gemeinsamen Abendessen, vielen Gesprächen und sogar einer kleinen Tanzeinlage durften wir schließlich direkt an einer Hütte übernachten. Dort meinten sie wären wir geschützt vor den Bären.
Je höher wir kamen, desto beeindruckender wurde die Landschaft. Eine Familie lud uns spontan zum Mittagessen ein und natürlich wollte der Vater sofort ausprobieren, eines unserer voll bepackten Räder zu fahren. Nach wenigen Metern gab er lachend auf. Dass wir mit fast 45 Kilogramm Gepäck solche Anstiege freiwillig hochfahren, konnten die meisten Menschen einfach nicht nachvollziehen. Ehrlicherweise konnten wir das manchmal selbst nicht.
Auf rund 2.600 Metern Höhe war der Sommer plötzlich wieder verschwunden. Schnee lag neben der Straße, ein eisiger Wind fegte über den Pass und die Daunenjacken kamen erneut aus den Taschen. Die kleinen Bergdörfer dort oben wirkten wie aus einer anderen Welt.
Dann folgte eine der spektakulärsten Abfahrten unserer bisherigen Reise. Über eine Straße, die als eine der gefährlichsten der Welt gilt, rollten wir von rund 2.600 Höhenmetern bis hinunter ans Schwarze Meer. Kilometer um Kilometer ging es fast nur bergab, bis wir plötzlich wieder in kurzer Hose am Meer standen.
Nach den vielen Wochen in den Bergen fühlte sich das fast unwirklich an. Wir verbrachten einige entspannte Tage entlang der Schwarzmeerküste, sprangen so oft wie möglich ins Wasser und genossen die warme Luft. Nach all den Pässen, Gewittern und tausenden Höhenmetern war das genau das Richtige.
Wenig später erreichten wir schließlich die Grenze zu Georgien. Hinter uns lagen viele Wochen in einem Land, das uns landschaftlich begeistert, kulturell fasziniert und vor allem durch seine unglaubliche Gastfreundschaft tief beeindruckt hat. Selten wurden wir so herzlich aufgenommen wie in der Türkei. Unzählige Tassen Çay, spontane Einladungen, offene Türen und hilfsbereite Menschen machten dieses Land zu einem der ganz besonderen Kapitel unserer Reise. Wir sind jetzt bisschen über 5.000km und knapp 60.000 Höhenmeter getreten. Wenn man die Zahlen so sieht fühlt es sich schon echt verrückt an, aber da das Radfahren mittlerweile so normal ist, kommt es einem gar nicht so wild vor.
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