26 Mai Griechenland
Zwischen Meerblick, Lidl-Parkplätzen und wildem Wetter
Nach ein paar verregneten Tagen in Albanien ging es für uns ziemlich spät am Abend über die Grenze nach Griechenland. Die Grenze selbst war komplett leer und die Stimmung dort ehrlich gesagt eher kühl. Kein nettes Gespräch, kein großes Interesse, einfach Pass stempeln und weiter. Das Wetter passte irgendwie dazu. Es regnete nicht richtig, trotzdem war alles nass und grau.
Die ersten Tage in Griechenland waren vor allem geprägt von Essen suchen. Seit Tagen kamen wir kaum noch an richtige Supermärkte und lebten mehr oder weniger von Nudeln, Keksen und irgendwelchen Tankstellen-Snacks. Natürlich war dann auch noch Sonntag und alles geschlossen. Die Preise waren plötzlich auch wieder eine ganz andere Nummer. Alles kostete mindestens so viel wie in Österreich und wir merkten schnell, dass Griechenland deutlich teurer wird als Albanien.
Dazu kamen direkt die ersten Begegnungen mit den berühmten griechischen Hütehunden. Während in anderen Ländern meistens mal ein einzelner Hund bellend auf uns zukam, waren es hier direkt ganze Gangs aus mehreren großen Hunden. Teilweise standen wir minutenlang irgendwo auf einem Radweg und schoben uns Zentimeter für Zentimeter an den Ziegenherden vorbei, während die Hunde knurrend direkt vor uns standen. Besonders angenehm war das ehrlich gesagt nicht.
In Ioannina machten wir kurz Halt am See und waren plötzlich mitten zwischen Reisebussen und Touristenmassen. Nach Tagen voller einsamer Bergstraßen fühlte sich das komplett absurd an. Gleichzeitig fiel uns dort zum ersten Mal extrem auf, wie groß die Unterschiede zwischen arm und reich in Griechenland teilweise sind. Komoot führte uns zuvor durch kleine Vororte mit verwahrlosten Häusern, Müll und Kindern in verdreckten Klamotten. Wenige Minuten später saßen Touristen am Wasser in schicken Restaurants. Ein ziemlich komisches Gefühl. Hier haben wir auch keine Bilder gemacht, weil sich das irgendwie nicht richtig anfühlte.
Auch sonst lief nicht immer alles rund. Wegen eines Lidl-Umwegs standen wir plötzlich vor einem Unterwassertunnel, in dem Fahrräder verboten waren. Also wieder zurück, Shuttle organisieren und alles doppelt fahren. Am Ende wurden wir mit einem Baustellenfahrzeug durch den Tunnel gebracht. Komplett unkompliziert, aber natürlich erst nachdem wir vorher eine Stunde planlos herumgeirrt waren.
Danach änderte sich die Stimmung langsam. Zum ersten Mal seit Wochen ging es endlich ans Meer. Türkisfarbenes Wasser, kleine Buchten, kaum Verkehr und wunderschöne Küstenstraßen. Teilweise hatten wir ganze Straßenabschnitte komplett für uns alleine. Wir sprangen tagsüber ins Meer, lagen stundenlang in der Sonne und kochten abends direkt am Wasser unsere inzwischen meistgekochtes Gericht: One Pot Orzo-Nudeln in sämtlichen Variationen.
Natürlich blieb Griechenland trotzdem chaotisch. Simon fiel fast kopfüber samt viel zu schwerem Fahrrad eine steile Treppe zum Strand hinunter und bohrte sich dabei die Pedal-Pins sauber in die Stahlwaden. Mit selbstgebranntem Raki aus Montenegro wurde die Verletzung von innen desinfiziert. Dazu überraschte uns nachts direkt am Meer ein heftiges Gewitter mit Sturm, Blitzen und komplett durchnässtem Equipment. Wir frühstückten irgendwann völlig nass in Regenklamotten, während um uns herum alles im Wind flatterte.
Ein großer Teil unseres Griechenland-Alltags spielte sich außerdem inzwischen vor Lidl-Filialen ab. Wir saßen regelmäßig mit Campingstühlen oder direkt auf dem Boden vor den Eingängen, luden Powerbanks, stopften alles Essbare in uns rein und planten die nächsten Tage. Teilweise bekamen wir dabei sogar Essen geschenkt, weil die Leute vermutlich dachten, wir wären komplett obdachlos.
Trotzdem fehlte uns anfangs etwas die Offenheit und Herzlichkeit, die wir aus Albanien kannten. Weniger Winken, weniger Einladungen, insgesamt deutlich zurückhaltendere Menschen. Erst mit der Zeit änderte sich das wieder.
Eine der schönsten Begegnungen hatten wir während eines kompletten Regentages in einem kleinen Dorf in den Bergen. Eine ältere Frau namens Ioana sprach uns plötzlich an, als wir völlig durchnässt unter einem Vordach saßen. Wenig später sperrte sie uns kurzerhand einen unfertigen Rohbau auf, brachte Gartenstühle, Teppiche und Kekse vorbei und rettete damit unseren kompletten Tag. Abends lief im ganzen Dorf Eurovision Song Contest und wir saßen später mit Pita, Pommes und Gyros in unserem kleinen Betonverlies, während draußen der Regen herunterprasselte.
Je mehr Zeit wir in Griechenland verbrachten, desto schöner wurden die Straßen wieder. Wir fuhren durch Nationalparks, vorbei an Olivenhainen, roten Felsen und schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Dabei begegneten wir riesigen Schildkröten, einer großen Schlange direkt auf der Straße und unzähligen streunenden Hunden.
Abends fragten wir oft spontan irgendwo nach einem Schlafplatz. Hinter Tankstellen, auf kleinen Wiesen oder direkt am Meer. Meistens wurden wir sofort mit Wasser, Strom oder Essen versorgt. Mit Händen und Füßen funktionierte die Kommunikation dann irgendwie immer. Das griechische Alphabet machte es ziemlich unmöglich irgendetwas zu verstehen, daher wurde die Zeichensprache immer wichtiger.
Nach einigen Tagen ging es schließlich Richtung Athen. Kurz davor fiel fast Simons komplette Kurbel auseinander und jeder Tritt krachte nur noch. Zum Glück fanden wir mit Vasilis vom Bikelane-Fahrradladen eine absolute Legende. Er reparierte alles perfekt, erklärte jeden Schritt und versorgte uns noch mit Ersatzteilen und Eiskaffee.
Athen selbst war dann erstmal ziemlich überfordernd. Verkehr, Baustellen, Menschenmassen und Großstadtchaos. Wir wohnten mitten in der Stadt bei Nick und Eleftheria, zwei super herzlichen Warm Showers Hosts in unserem Alter. Die Wohnung war zwar ziemliches Chaos aus Katzen, Zigarettenrauch und herumliegendem Zeug, aber die beiden waren super nett und unkompliziert.
Nach einem kurzen Stadtbesuch, Falafel mit Blick auf die Akropolis und deutlich zu wenig Schlaf ging es schließlich weiter zur Fähre Richtung Chios. Dort lagen wir acht Stunden lang mit Schlafsäcken auf dem Boden, aßen Lidl-Vorräte und teilten Chips und Bier mit anderen Reisenden.
Auf Chios angekommen warteten wir nachts am Strand auf den Sonnenaufgang, bevor wir spontan noch Tickets für die Fähre in die Türkei organisierten. Auf dem Schiff übersetzte schließlich ein junger Kolumbianer unsere Reisegeschichte für seine komplette Reisegruppe, die völlig ungläubig auf unsere Räder und unsere Route reagierte. Ohne Motor? Ihr spinnt komplett. Ein bisschen haben die Omis und Opis aus Kolumbien wahrscheinlich auch recht.
Und dann standen wir tatsächlich in der Türkei.
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