09 Mai Albanien & ein bisschen Kosovo
Wildes Wetter, lachende gesichter & unglaubliche Gastfreundschaft
Beim wahrscheinlich bisher schönsten Sonnenuntergang der Reise rollten wir das erste Mal in T-Shirt und kurzer Hose über die albanische Grenze. Nach den vielen kalten Nächten fühlte sich das fast unwirklich an. Unsere erste Nacht verbrachten wir direkt am Shkodra See in einer alten Ruine.
Am nächsten Tag folgten wir der Empfehlung von Jonas und Ines und machten uns auf den Weg Richtung Koman-Stausee und der Fähre nach Fierze. Was wir dabei nicht wussten: Die Straße dorthin wird aktuell komplett saniert. Bedeutet für uns knapp 40 Kilometer schlimmster, holpriger Schotter, Staub ohne Ende und ein wirklich zäher Tag. Als wir am Abend endlich ankamen, waren wir komplett erledigt.
Am nächsten Morgen ging es dafür direkt auf die Fähre. Dort lernten wir ein weiteres Pärchen aus Paris kennen, die mit ihren Gravelbikes unterwegs waren. Sie erzählten uns, dass ihnen von genau dieser Straße abgeraten wurde und sie deshalb lieber für 10 Euro einen Shuttle genommen hatten. Auch andere Fahrgäste sprachen uns später an und fragten, ob wir die beiden Radfahrer auf der staubigen Straße gewesen seien. Offenbar hatten wir einigen Leuten ziemlich leid getan.
Die Fährfahrt selbst war dafür umso schöner. Etwa zweieinhalb Stunden fuhren wir durch beeindruckende Schluchten und zwischen steilen Bergen hindurch. Wirklich wunderschön. Trotzdem waren wir danach auch froh, wieder auf dem Rad zu sitzen. Touristenattraktionen bleiben einfach nicht so ganz unser Ding.
Mittags stärkten wir uns in einem kleinen Dorf erstmals mit lokalem Essen. Es bestand hauptsächlich aus Maismehl, Käse und sehr viel Öl. Wirklich lecker, aber vermutlich nichts, was wir täglich essen könnten. Viele vegetarische Alternativen gab es auf der Speisekarte ohnehin nicht.
Am Abend schlugen wir unser Zelt neben einer kleinen Kapelle auf. In der Ferne entdeckten wir bereits ein anderes Zelt und kurz darauf kam ein junger blonder Typ mit Locken und ordentlichem Sonnenbrand auf uns zugelaufen. Es war Tom aus Wales, der aktuell zu Fuß von Griechenland nach Spanien unterwegs ist. Gemeinsam ließen wir den Abend ausklingen und holten uns noch ein paar Bier vom kleinen Markt nebenan.
Relativ spontan verschlug es uns danach für einen kurzen Abstecher in den Kosovo. Nach knapp 800 Höhenmetern erreichten wir die Grenze, allerdings fing es dort direkt an zu regnen. Also suchten wir Schutz in einer kleinen Bäckerei, in der wir glücklicherweise auch WLAN bekamen. Kosovo gehört nämlich zu den wenigen Ländern, in denen unsere „weltweite“ eSIM plötzlich nicht funktionierte. Der Besitzer der Bäckerei schenkte uns sogar noch jeweils ein Stück Kuchen. Eine kleine Geste, die sofort zeigte, wie herzlich die Menschen dort sind. Auch die Kinder fanden unsere komplett durchnässten Regenklamotten offensichtlich ziemlich spannend.
Etwa eineinhalb Stunden später fanden wir Unterschlupf in einem kleinen Homestay und wurden dort sehr herzlich empfangen. Dort trafen wir auch Ryuhai, oder einfach Lui, einen unglaublich sympathischen Japaner, der seit fast vier Jahren mit seinem Motorrad um die Welt reist. Gefühlt war er bereits überall. Seine aktuelle „Heimreise“ soll ihn über Norwegen und Russland zurück nach Japan führen. Er gab uns unzählige Tipps und spannende Geschichten mit auf den Weg und bot uns direkt an, bei ihm zu schlafen, falls wir irgendwann in Tokio ankommen sollten. Hoffentlich können wir dieses Angebot in ein paar Monaten wirklich annehmen.
Vom Kosovo selbst haben wir landschaftlich leider nicht allzu viel gesehen. Es war eisig kalt, nass und oft komplett neblig. Viele Höhenmeter, wenig Aussicht. Dafür aber viele freundliche Menschen.
Zurück in Albanien warteten dann wieder Höhenmeter auf uns. Zum ersten Mal knackten wir mit unseren rund 45 Kilogramm schweren Rädern die 2.000 Höhenmeter an einem Tag. Während Sandy und Lina in Innsbruck erfolgreich ihren Trailrun absolvierten, kämpften wir uns hier bergauf. Belohnt wurden wir mit leeren Straßen, steilen Anstiegen und wirklich beeindruckenden Landschaften.
Spät am Abend entschieden wir uns noch für eine warme Dusche auf einem Campingplatz. Da wir ziemlich spät dran waren, fanden wir den Eingang nur noch im Dunkeln und „schlichen“ uns erstmal vorsichtig hinein. Kurz darauf kam die ältere Besitzerin heraus. Statt Ärger gab es Kaffee, selbstgemachten Tee, Raki, Traubensaft und Kekse in ihrer kleinen Wohnung. Wieder so ein Moment, der zeigt, wie außergewöhnlich gastfreundlich die Menschen hier sind.
Am nächsten Morgen lernten wir noch ein Paar aus Garmisch kennen. Ein paar Kilometer fuhren wir gemeinsam, bevor sich unsere Wege trennten. Für uns ging es weiter Richtung Tirana, während die beiden nach Nordmazedonien abbogen.
Unterwegs wurden wir immer wieder von Kindern angesprochen, die unsere Fahrräder ausprobieren wollten. Die Räder waren viel zu groß, weshalb sie halb auf dem Oberrohr sitzend und mit gestreckten Zehenspitzen gerade so die Pedale erreichten. Der Spaß dabei war dafür umso größer. Obwohl viele Menschen hier selbst nicht viel besitzen, wurden wir trotzdem noch auf Softdrinks vom kleinen Markt gegenüber eingeladen.
Ein älterer Mann auf einem Esel riet uns irgendwann erneut davon ab, die von Komoot vorgeschlagenen Gravelstraßen zu fahren. Das passiert hier regelmäßig. Viele Menschen können kaum verstehen, warum man freiwillig ungeteerte Wege fahren möchte. Nach einer etwas seltsamen Begegnung mit einem Hirten, der uns, so zumindest unsere Interpretation, vor Bären warnte, schlugen wir unser Zelt trotzdem auf. Gekocht wurde vorsichtshalber einige hundert Meter entfernt und auch unser Essen lag weit weg vom Schlafplatz.
Wenig später führte uns die Strecke durch mehrere Tunnel, bis wir vor einem relativ neuen, etwa vier Kilometer langen Tunnel standen. Fahrräder verboten. Eine Alternative gab es nicht. Also fragten wir kurzerhand den ersten Bauarbeiter mit Pickup. Ohne eine Sekunde zu zögern lud er uns samt Rädern auf die Ladefläche, entschuldigte sich sogar noch dafür, dass er erst sein Essen fertig essen müsse, und lud uns natürlich noch auf einen Drink ein. Absolute Legende.
In Tirana trafen wir uns schließlich mit Joris, einem Niederländer, der dort seit einigen Jahren lebt. Auch er hatte unzählige Geschichten zu erzählen. Ob mit Ski und Schlitten durch Alaska, gelebt in Tadschikistan, mit dem Auto durch Afrika oder mit dem Fahrrad durch Südamerika. Gefühlt hatte er bereits überall Abenteuer erlebt. Die Biere gingen natürlich auf ihn. Danke nochmal dafür.
Langsam merken wir inzwischen auch, dass wir immer weiter Richtung Süden kommen. Es gibt deutlich mehr Landwirtschaft, viele Plantagen und vor allem wird es endlich wärmer. Wir schlafen mittlerweile ohne Daunenjacke und manchmal sogar ohne Socken. Ein echter Fortschritt.
Da überall Felder bewirtschaftet werden, wurde die Schlafplatzsuche etwas schwieriger. Also fragten wir kurzerhand einen Hirten, ob wir zwischen seinen Schafen „Delle“ schlafen dürften. Er war davon allerdings wenig begeistert, weil er uns lieber direkt mit zu sich nach Hause nehmen wollte. Wir verschoben das Kaffee-Date auf den nächsten Morgen und schliefen stattdessen zwischen unzähligen Glühwürmchen. Wirklich tausende. So etwas haben wir noch nie gesehen.
Am nächsten Morgen freuten sich Ermello und Amide tatsächlich darüber, dass wir wieder auftauchten. Neben Kaffee gab es Bier, Raki und Caramellos zum Frühstück. Leicht angetrunken starteten wir so in den Tag und verabschiedeten uns noch vom halben Dorf, das unseren Besuch neugierig verfolgt hatte. Sogar die Polizei grüßte uns morgens per Lautsprecher.
Unser nächster Schlafplatz lag zwischen verlassenen Bunkern einer alten Militärbasis. Das sah gleichzeitig ziemlich verrückt und unglaublich spannend aus. In den dunklen Bunkern flogen überall Fledermäuse herum.
Auch dieses Mal wurden wir wieder von zwei Franzosen gewarnt, den geplanten Gravelweg zu nehmen. Sie zeigten uns Videos und meinten völlig ernst, dass sie im Auto beinahe geweint hätten. Teilweise müssten wir unsere Räder tragen. Wirkliche Alternativen gab es allerdings nicht. Und glücklicherweise stellte sich der Weg am Ende zu 95 Prozent als fahrbar heraus. Keine Tragepassagen, dafür viel grober Untergrund, steile Anstiege und teilweise echtes Mountainbike-Feeling. Überraschenderweise hat genau das ziemlich Spaß gemacht. Den ganzen Tag begegnete uns fast niemand und die Ausblicke waren jede einzelne Höhenmeter wert. Verrückt war höchstens, dass dort oben vereinzelt tatsächlich noch Menschen wohnten.
Als Belohnung warteten am Abend noch Thermalquellen auf uns. Dort trafen wir zufällig auch das Paar aus Garmisch wieder. Gemeinsam saßen wir mit Bier in den heißen Quellen und ließen den Abend ausklingen.
Der nächste Tag war dann allerdings komplett gegenteilig. Dauerregen, Kälte und graues Wetter den gesamten Tag. Deshalb treten wir erst heute die Weiterreise nach Griechenland an.
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